Spießer Alfons: Narrenhände und Narrenköpfe
Wer Häuserwände mit Graffiti und Tags beschmiert, verursacht ein Ärgernis. Und eine strafbare Handlung. Die Rechtfertigung, dass hier aus dem Untergrund große Künstler hervorgegangen sind, kann keine Rechtfertigung sein, gegen Gesetze zu verstoßen.
Wer Werbeplakate zerstört oder entstellt durch Aufkleber oder Aufschriften, begeht ebenfalls eine strafbare Handlung. Und wenn der Hamburger Fotograf F. C. Gundlach solche beschmierten und beklebten Plakate fotografiert und mit diesen Corpora Delicti eine Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe der Hansestadt bekommt, dann fragt sich der Spießer: Haben die Verantwortlichen einen Sprung in der Marmel…?
BILD schreibt einen lobenden Bericht darüber, hat den Fotografen („der große F. C. Gundlach (83)“) interviewt. Damit werden Straftaten gut geheißen und weitere Täter dazu animiert, solches Unwesen zu treiben. Spießer Alfons möchte gern von dem großen Chefredakteur Kai Diekmann wissen: Wenn morgen die Werbeplakate von BILD beklebt und bemalt werden und die BILD-Leserreporter das fotografiert haben — bringt BILD dann auch einen lobenden Bericht darüber und druckt die verfremdeten Plakate ab…? (Hinweis: Diese spießige Frage ist nicht rhetorisch zu verstehen!)
Mit dieser Aktion wird eine Straftat verharmlost, werden neue Täter animiert, Gleiches zu tun.
Alfons ahnt natürlich, dass viele otr-Leser jetzt Widerspruch einlegen werden gegen die Meinung des Spießers. Und wenn diese Leute sagen: Jeder Graffiti-Schmierer darf morgen auch meine Hauswand und mein Auto bemalen, dann ist das okay. Und wenn Werber und Werbungtreibende, die ihre Plakate als Großfläche und City-Light-Poster auch zum Überkleben und Beschmieren fürs Volk frei geben, dann mögen die auch gutheißen, was Gundlach und das Museum für Kunst und Gewerbe und BILD dort treiben, nämlich groben Unfug.
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1.
Dokumentation ist Anstiftung? Gar nicht auszumalen, wie viele Straftaten in deutschen Museen und Ausstellungen angeregt werden…Schließt das Kriminalmuseum!
Was ist das bitte für eine Argumentation?
2.
Die, die da großflächig und weiträumig plakatieren, sind die Machthaber in diesem Staat. Und die sollten sich so etwas schon mal gefallen lassen. Das ist auch ein Stück weit gelebte Demokratie. Zumal die in der o.g. Ausstellung gezeigten Stücke sich wohl kaum durch “I was here” und “Fuck you” – tags auszeichnen.
Hier “Sachbeschädigung” zu schreien und das Staatstragende Law- and order- Vokabular zu bemühen, ist mir in der Tat eine ganze Spur zu spießig und obrigkeitshörig. Politiker sind nicht zum ehrfurchtsvollen Bestaunen da.
3.
Der mündige Bürger sollte schon so weit denken, dass er ‘seine’ Partei auch dann wählt, wenn ihr Spitzenkandidat einen Bart gemalt bekommen hat.
“Mit dieser Aktion wird eine Straftat verharmlost, werden neue Täter animiert, Gleiches zu tun.”
Das ist jetzt aber etwas überzogen, oder?
p.s.: Es würde die lesbarkeit Deiner Machwerke erhöhen, wenn Du den ganzen Word-Tag-Krempel am Anfang Deiner Blogs löschen würdest…
Wie seven schon schreibt, die Dokumentation einer möglichen Straftat ist ja wohl kaum Ausdruck des Gutheißens – sonst würden die Bilder aus Abu Ghraib auch pro Folter sein?!
Bei politischen Plakaten kommt hinzu, dass die Veränderung durch Andersdenkende, Kasper* und Künstler oft notwendiger Ausdruck anderer Meinung ist. In totalitären Staaten heißen wir solch eine – im Dunkeln ausgeführte – Meinungsäußerung ausdrücklich gut, vor allem wenn die Repressalien fatal sein können. Da sollte eine freie Demokratie, eine offene Gesellschaft wohl kaum zurückstehen.
Dieser Beitrag des Spießers schlägt in die gleiche Kerbe wie kürzlich der Versuch, den Anti-CDU-Plakate-Wettbewerb auf Netzpolitik.org zu verbieten. Nicht etwa auf der üblichen Basis, Satire als Majestätsbeleidigung zu sehen, sondern per Copyright.
On a personal note, mir gehen diese Unmengen hässlicher, nichtssagender Wahlplakate, die seit Wochen vor der Europawahl die Straßen Lachstadts verunzieren auf den Sack. Monatelang muss ich die Grinsemänner und -frauen jetzt schon ertragen, da das Auto-/Fahrradfahren mit geschlossenen Augen verboten ist.
*Das meine ich positiv.
Komisch, wenn das im Internet stattfindet und neumodisch “Remixen” genannt wird, findet es otr super. Wenn es auf der Straße geschieht, ist es grober Unfug oder sogar eine Straftat.
Plakate verschmieren, dekorieren, verändern oder gar aufwerten? Feine Sache: Kommen wir zum Vögeln. Anfang der 90er zog ein kreativer Nichtraucher durch das Land und überklebte den Claim der Zigarettenmarke R1 “Ich rauche gerne” mit “Ich vögel gerne”. Jetzt war ich mal in Google unterwegs um dieses Prunktstück zu zeigen, aber man glaube mir, mit “Ich vögel gerne” ist das ziemlich unmöglich
Ich rauch jetzt eine. Du auch Spießer?
Liebe Leute –
Ihr bekommt da Einiges ziemlich durcheinander. Kurz gesagt:
Ein Rechtsstaat ist ein Rechtstaat, Anarchie ist etwas anderes.
Wenn die Parteien uns Stuss plakatieren (auch meine Meinung!), dann können wir unsere Antwort dazu abgeben: an der Wahlurne. Oder man fotografiert die Plakate, versieht sie mit Anmerkungen und stellt sie ins Internet oder klebt sie sich selber ans eigene Auto und fährt damit durch die Gegend. Alternative: Sandwichman.
Auch Spießer Alfons versieht Werbung mit Kommentaren und Sprechblasen. Anzeigen genauso wie Plakate, auch politische. Aber Alfons käme aber nicht auf die Idee, durch die Gegend zu schleichen und seine Parolen auf die Plakate zu schreiben oder zu kleben. Das ist Zerstörung, das ist undemokratisch, das ist dumm.
Der Vergleich “Kriminalmuseum” ist völlig daneben. Oder werden die dort ausgestellten Mordgegenstände auch als “einfallsreich”, “ehrlich” und “direkt” gelobt…?
Kurzum: Demokratie ist nicht, die Meinung anderer zu überkleben. Wir haben mit dem Internet ein Medium, wo jeder seine Meinung sagen kann. Und die kann ein anderer kommentieren aber nicht überschreiben oder löschen — es sei denn, der Wortlaut verstößt gegen die Gesetze.
Und noch mal: Würde der Chefredakteur der BILD-Zeitung all die Bermerkungen, die auf BILD-Plakaten gemacht werden, auch als einfallsreich, ehrlich und direkt loben und in sein Blatt stellen? Ich glaube nicht.
Und noch was: Es gab und gibt auch immer wieder Plakate der politischen Parteien, die einfach nur zerstört worden sind. Das fand in BILD — jedenfalls bis jetzt — immer Kritik.
@ Peter
Bei Firefox und Safari laufen meine Machwerke ohne Word-Tag-Krempel.
Aber das Internet (in dem jeder publizieren und seine Späßchen machen kann) gibt es ja nun noch nicht sooo lange. Und selbst wenn man das jetzt auch am Rechner kann: Ich finde es absolut ok, wenn Wahlplakate auf dem Plakat kommentiert werden.
Und genau so ok finde ich es, dass das dokumentiert worden ist und ausgestellt wird. Für mich sind das Dokumente der Zeitgeschichte. Außerdem muss man das aushalten, wenn man meint, die Landschaft mit seinen Plakaten verunstalten zu dürfen. Gleiches gilt logischerweise auch für meine Plakate.
@Spiesser
“Bei Firefox und Safari laufen meine Machwerke ohne Word-Tag-Krempel”
stimmt… habs grad probiert … dann sollte euer Meister der Technik das Template mal in die heutige Zeit portieren. Bei mir ist auch ab und an der Header verschoben…
“Ein Rechtsstaat ist ein Rechtstaat, Anarchie ist etwas anderes.”
Also, ganz ehrlich… ich würde ein paar überklebte Plakate weder als zerstört, noch als Anarchie bezeichnen. Früher haben wir auch Gesichtern in den Werbeprospekten und den Plakaten Bärte angemalt und im Schulunterricht aus Katalogen und Prospekten Collagen gemacht…
@ ramses 101
Verrate mir, wo Du Dein Auto parkst! Wenn Du eine Marke fährst, die mich reizt, weil ich der Meinung bin, das Auto entspricht nicht der Zeit, dann werde ich es grün anmalen. Und falls es schon grün ist, dann werde ich darauf schreiben, dass Du damit die Umwelt schädigst. Du kannst das Auto hernach ja im Museum ausstellen. Als Dokument der Zeitgeschichte.
@ Peter
Mit Deinen Katalogen kannst Du machen, was Du für richtig hältst. Aber wenn Du meine Hauswand bemalen solltest oder mein Plakat, dann komme ich und beklebe Deine Fensterscheiben, weil ich nicht möchte, dass Du meine Plakate siehst.
Sind frei zugängliche Plakatierungen denn noch Eigentum des Anbringers/Auftraggebers? Dumme Frage, vermutlich, aber ich weiß es wirklich nicht. Könnte aber der Casus Knaktus sein: sind die Plakate noch Eigentum des Anbringers/Aufrtaggebers, wäre ein Übermalen bzw. sonstiges Verschandeln wohl Sachbeschädigung fremden Eigentums. Oder verliert der Anbringer/Auftraggeber der Plakate gerade durch das Publizieren/Anbringen/Aufkleben der Plakate sein Eigentumsrecht? Weiß jemand die Antwort hier??
@Â Heinrich Böll
Ohne jeden Zweifel: Die Plakate sind und bleiben Eigentum desjenigen, der sie in Auftrag gegeben hat.
Da fällt mir gerade ein: Was würde der Fotograf Gundlach wohl sagen, wenn er eine Ausstellung seiner Werbefotos machen würde und es kämen Besucher in die Ausstellung und würden diese Fotos bemalen und überkleben, weil sie mit den Motiven nicht einverstanden sind…?
Naja, Spiesser ich seh da zwischen einem Auto für ein paar Tausend Euros und einem Plakat mit praktisch keinem Wert schon noch einen Unterschied. Wobei Du natürlich rein formal recht hast. Sachbeschädigung ist Sachbeschädigung.
(das muss die Salesch unbedingt mal thematisieren, mit dem Spiesser als Staatsanwalt…)
Aber anders betrachtet, Wahlplakate drängen sich prominent in den öffentlichen Raum um Aufmerksamkeit zu erregen, da muss es dem öffentlichen Raum auch gestattet sein, sich mit den Plakaten auf kreative Weise zu beschäftigen
… aber ich seh schon, wir kommen da nicht zusammen… Du bist die Zierde des Staates und ich komm halt aus der Anarcho Generation die schon im Kindergarten Schweinebauchanzeigen zerschnippelt hat um entartete Kunst herzustellen… mir wurde vermutlich schon als Kleinkind sämtliches Rechtsbewusstsein, was diese Thematik anbelangt aberzogen… kann man nix machen…
OTR bleibt trotzdem eins der wenigen Blogs die sich zu lesen lohnen, auch wenn der Spiesser manchmal ganz schön spiessig ist
“Da fällt mir gerade ein: Was würde der Fotograf Gundlach wohl sagen, wenn er eine Ausstellung seiner Werbefotos machen würde und es kämen Besucher in die Ausstellung und würden diese Fotos bemalen und überkleben, weil sie mit den Motiven nicht einverstanden sind…?”
Er würde das photographieren und daraus eine Austellung machen. Das ist von der Idee sogar ein ganz interessantes Konzept
@ Peter
Na, bitte, in einem Punkt sind wir uns dann doch noch einig geworden:
“OTR bleibt trotzdem eins der wenigen Blogs die sich zu lesen lohnen, auch wenn der Spiesser manchmal ganz schön spiessig ist.”
@Spießer: Wenn ich jemals mein Auto tausendfach in der Stadt aufstelle und draufschreibe, dass ich alles kann, dann muss ich tatsächlich damit rechnen, dass auf dem einen oder anderen bald steht: “Alles, außer Deine Karren sauber zu halten.”
Wahlwerbung ist Kommunikation. Und Wahlplakatierung ist vermeintliche Einbahnstraßenkommunikation. Gefasel, das sich keiner erbeten hat. Wenn dieses Gefasel jetzt für Monate meinen schönen Blick vom Balkon verunschönert, schreibe ich meine Antwort darauf. Wenn Parteien lernen könnten, wäre das dann die letzte Gefaselkampagne.
Aber da Parteien aus Menschen bestehen, die wiederum darauf bestehen, jeden Fehler auch mal selbst machen zu dürfen, wird es immer wieder einen geben, der mir per Plakat auf meinem Balkon ungefragt zuruft:
“Wähl mich!”
Und da er im Internet nicht ganz so zuhause ist und er meine nicht gegebene Stimme nicht auf sein Plakat schiebt, sondern darauf, dass “die Botschaften beim Wähler nicht angekommen” seien, finde ich es absolut in Ordnung, unter seinen Zuruf zu schreiben:
“Warum, wenn ich fragen darf?”
@ Spiesser
Wenn die Plakate “Eigentum desjenigen sind, der sie in Auftrag gegeben hat”, soll er sie doch bei sich im Keller lagern oder im Wohnzimmer aufhängen. Sobald er damit den öffentlichen Raum vollstellt, der ja wiederum Eigentum aller ist, die diesen Raum (und zum Teil auch das Plakat / Stichwort “Wahlhilfe”) mit ihren Steuergeldern finanzieren, muss er sich eben auf Reaktionen gefasst machen.
Offensichtlich ist wählen gehen für viele keine probate Antwort auf die aktuellen politischen Verhältnisse. Das zum einen.
Zum anderen obliegt es sicher nicht dem Spiesser (oder irgendeinem anderen Individuum) allgemeingültig zu definieren, was ein Künstler darf oder was Kunst ist und was nicht. Insofern bleibt die Privatmeinung des Spiessers, obwohl möglicherweise juristisch begründbar, einfach nur seine Privatmeinung.
Sollte die Weiterverarbeitung von Propaganda “Anarchie” bedeuten, kann das sowohl Kunst als auch ein politisches Statement sein. Plakate “beschmieren” ist vielleicht die einzige unverfälschte Stimme des Bürgers, der bei der Wahl schon längst keine mehr hat. Quasi Meinungsäußerung brut.
“Kreative Zerstörer” werden an dieser Stelle doch auch sonst ganz prima gefunden. Warum jetzt nicht?
In Mönchengladbach sind die Leute schon viel weiter. Da werden Plakate gezielt zerstört. Mit dem Seitenschneider, heißt es.
http://www.rp-online.de/public.....akate.html
Manche vermuten, vom politischen Gegner.
)
Ja, es herrscht wohl Krieg da draußen. Da kann ein wenig Kunst nicht schaden…
@ramses101
Okay, 1000 Lieferwagen fahren durch die Städte, die beschriftet sind mit dem, was die Firmen alles können. Los, bemale sie!
@ Ralf
Ich entnehme Deinem Kommentar, dass Du nicht für Werbung arbeitest. Und: Welchen “Künstler” meinst Du…?
Apropos Meinung: Natürlich ist das meine “Privatmeinung”. (Dass diese Meinung juristisch bestätigt wird, sei nur am Rande erwähnt.) Und die Meinung, die Du abgibst, wessen Meinung ist das…?
So viele wunderbare Politik-Fatalisten hier.
Die eigene Meinung, den persönlichen Einfluss zur Geltung zu bringen, ist heutzutage also (fast) nur möglich im Bekritzeln von Plakaten? Da gibt es bessere, schönere, effektivere und vor allem legale Wege. Müssten halt mal alle damit anfangen. Ist aber viel einfacher ein Bärtchen auf ein Wahlplakat zu malen. Und so lustig…
@Spießer: Ein Lieferwagen ist dazu da, etwas zu liefern. Der will nichts von mir. Warum sollte ich ihm antworten? Der Mensch auf em Plakat will aber eine Reaktion von mir. Und die kann er haben.
Aber gut. Natürlich hast du Recht: Die Plakate gehören der Partei und werden den Bürgern zur Ansicht überlassen, nicht zur Gestaltung. Dass ich ein schlechter Mensch mit schwarzem Gürtel in Ambivalenz bin, weil ich mir das Recht nehme, dieses Eigentum zu verschandeln, obwohl ich eigentlich die Unantastbarkeit fremden Eigentums hochhalte, sehe ich natürlich ein.
Damit kann ich aber wunderbar leben, denn gemessen an meiner dehnbaren Einstellung zum Töten von Tieren (Katzen und Hunde bitte nie, Pferde nur für Schuhe, Rinder wenn ich Hunger habe, Wespen immer, alleine weil sie nerven), ist das wirklich vernachlässigenswert.
@Warren: Mit Fatalismus hat das nichts zu tun. Fatalisten ergeben sich ihrem Schicksal und wissen, dass sie eh nichts ändern können. Warum also Plakate beschmieren?
@ Warren
Stimmt. Man kann sich ja zum Beispiel an Online-Petitionen beteiligen. http://news.magnus.de/internet.....hnern.html Quasi als Gratis-Lektion in Untertanenkunde.
@ Spießer
Klar arbeite ich für die Werbung. Aber deswegen stelle ich mich doch nicht schützend vor Wahlplakate…. ???
Sehr oft ist des Spießers Meinung auch mir zu, nun ja, spießig
Aber in diesem Fall muss ich ihm beipflichten. Bedenklich finde ich den leichtfertigen Umgang mit Rechtsgütern (z. B. Eigentum), wie er in den Kommentaren hier zum Ausdruck gebracht wird. Leichtfertig jedenfalls so lange, wie es um die Rechtsgüter der anderen geht. Ich möchte wetten, dass diejenigen, die es legitim finden, die Rechte anderer zu missachten (so lange es in ihr Gut-und-Böse-Denkschema passt), am lautesten schreien, wenn in ihre eigenen Rechte eingegriffen wird. Siehe des Spießers treffende Beispiele oben.
Unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit wird hier ein fragwürdiges Verständnis vom Rechtsstaat sichtbar. Vermutlich halten die Betreffenden es auch für normal, demokratisch, pluralistisch und vor allem für ihr gutes Recht, die Meinungsäußerungen Andersdenkender bei passender Gelegenheit mit Trillerpfeifen zu übertönen.
@Etix: Ich HALTE es nicht nur für mein gutes Recht, auf Veranstaltungen mit Pfeifen mit Pfeifen zu trillern, es IST mein gutes Recht.
@Ralf: “Untertanenkunde” – großartig. Schön auf en Punkt gebracht.
@ ramses101
Was DU für DEIN gutes Recht hältst, spielt keine Rolle. Sonst nimmst Du Dir morgen auch das gute Recht heraus, alten Frauen die Handtasche zu klauen, weil Du meinst, die brauchen eh kein Geld mehr.
@ Ralf
“Untertanenkunde”? Und wer im Knast sitzt, ist kein Untertan?
Ihr habt eine Auffassung von Demokratie und Recht – da kräuseln sich mir die Schnürsenkel!
@Kowalski: Du meinst also, dass es in einer Demokratie verboten sein müsste (was es, im Gegensatz zum Handtaschenraub, nicht ist), Unmut per Trillerpfeife kundzutun?
Das hieße dann, dass deiner Meinung nach das hier:
http://www.anti17august.info/
genau so verboten wäre, wie es verboten ist, die Nazis einfach zu verprügeln.
@ ramses101
Probiere es doch gleich mal selber aus: Geh zu Deinem Chef und verlange mehr Gehalt. Und bevor er nein sagen kann, bläst Du auf Deiner Trillerpfeife! Oder geh mal in ein Kino mit Deiner Trillerpfeife. Und wenn Dir der Film nicht gefällt, dann fang an zu trillern. Dann wirst Du am eigenen Leibe erleben, was das Gesetz bestätigt: Man wird Dich —Â zu Recht — vor die Tür setzen.
Oder weniger lustig gesagt: Wer einen anderen nicht zu Wort kommen lässt, sondern dessen Meinung durch lautes Trillern übertönt, der hat in einer Demokratie nichts verloren. Auch wenn ich nicht Deiner Meinung bin, ramses101, würde ich Dich nie daran hindern, diese zu äußern.
Warum ist denn Selbstjustiz (Plakate verändern) auf einmal moralisch höher einzustufen als Konsens (Gesellschaftliche Akzeptanz, dass Plakate in den öffentlichen Raum dürfen)?
@ ramses101
Dein Problem ist offensichtlich, dass Du zwischen Recht und Unrecht nicht unterscheiden kannst. Was die Nazis machen, ist Unrecht. Und gegen Unrecht kann jeder Bürger einschreiten. Die Plakate demokratischer Parteien sind kein Unrecht. Da kann sich nicht jeder das (eigene) Recht herausnehmen, sie zu zerstören.
@Kowalski: Etix hat die Trillerpfeifen mit reingebracht, nicht ich. Wenn du mit mir über Plakate reden willst,reden wir über Plakate – da bin ich mir meiner Ambivalenz, ich habe es oben geschrieben, durchaus bewusst.
Du behauptest, das Stören mit der Trillerpfeife sei hierzulande verboten. Dann ist es aber (Thema Recht und Unrecht) immer verboten. Genau wie es verboten ist, Leute zu verkloppen, selbst wenn sie Heß zitieren.
PS: Darf ich im Theater wenigstens noch laut Buh rufen oder soll ich da auch dermütig und still alles ertragen?
@le Roi: Plakate zu verändern ist jetzt also schon Selbstjustiz? Das wird ja immer besser.
@Ramses: na, was ist es denn dann? Eine Meinungsäußerung?
Du machst kaputt, was Dir nicht gefällt (aber nicht, was dich kaputt macht, das ist eine andere Diskussion)
Es herrscht ja ein Konsens, dass die Dinger steht dürfen. Und Du darfst dann entscheiden, dass sie kaputt gemacht werden und vollstrecken?
Darf ich mal kurz darauf hinweisen, dass es zu unserem Thema einen gewissen Diskussionsstand gibt? Angefangen von staatswissenschaftlichen Theorien, ab wann Bürger den Vertrag mit dem Staat “aufkündigen” können, bis hin zum eher symbolischen bzw. agitativen Protest durch das Rebranden / Weitererarbeiten von Plakaten. Siehe auch “No Logo” von Naomi Klein. http://de.wikipedia.org/wiki/No_Logo
Das hat mit Handtaschenraub und Omi gar nichts zu tun.
Bin da völlig auf @ramses101 Seite, auch wenn das rechtlich natürlich anders aussieht. Meiner Meinung nach müssen Parteien noch mehr als Unternehmen damit leben, wenn Kommentare auf Ihren Plakaten abgegeben werden. Klowände der Realität und so.
@Ralf:
Nur weil der eine Weg nicht funktioniert, heisst es nicht das keine anderen Wege gibt. Die gibt es, werden aber nicht genutzt. Ohne Dir hier eine Lektion in Parlamentarischer-Demokratie-Kunde geben zu wollen – aber setz Dich einfach mal mit Deinen Belangen im Büro/am Telefon/der Mailbox Deines Bundestagsabgeordneten fest. Ja, so einen hast Du. Der stammt aus deinem Wahlkreis und ihm wurde mehrheitlich in diesem Kreis die Stimme gegeben – und zwar um für die Belange dieses Kreises zu stimmen. Deshalb nennt man es ja auch Stimmabgabe. Und nun mach’ folgendes: Nerv’ ihn. Dauernd. Penetrant. Tag und Nacht. Und am besten Du trommelst alle in deinem Wahlkreis zusammen, und sagst ihnen, sie sollen es genau so machen. Und jetzt stell’ dir vor, in anderen Wahlkreisen passiert das auch. Wie würde dieser Abgeordnete sich wohl verhalten? Und die anderen? Wenn einfach mal WIR ihnen sagen würden, wie sie zu entscheiden haben. Klingt zu simpel?
Natürlich gibt es auch noch weitere Möglichkeiten.
Aber wie ich schon geschrieben habe – man müsste halt mal damit anfangen.
Doch nur weil diese nicht genutzt werden, verweigere ich mich der Aussage, das System sei schlecht und man könne ja überhaupt nix von dem ändern, was “die da oben” beschließen.
Wie wäre es wenn der Untertan mal anfängt zu denken?
@le Roi: Ja, ein Plakat mit einem Spruch zu verzieren, ist in meinen Augen eine Meinungsäußerung. Selbstjustiz findet dann statt, das Wort sagt es, wenn ich selbst die Rolle der Justiz übernehme. Dazu müsste aber erst ein Unrecht, zumindest ein vermeintliches, stattgefunden haben (frag mal Kowalski, der kennt sich da aus) – und das habe ich nie behauptet.
Wenn ich auf ein Plakat mit der Headline “Die Renten sind sicher” schreibe “wer’s glaubt, wird selig.” dann richt ich niemanden selbst, sondern sage ihm, was ich von seinem Verarschungsversuch halte. Aber nenn es wie du willst, wenn du auf Pathos stehst auch “Selbstjustiz”.
@ Warren
Ich nerv’ also meinen Kreisabgeordneten solange, bis die Regierung aufhört für die Bankenrettung ihre Bürger zu enteignen oder in Afghanistan zu verheizen?
Ganz im Ernst, eine Regierung, die es schafft 130.000 Zensurgegner zu ignorieren, wird auch mit einem wildgewordenen Provinzabgeordneten fertig. So, und jetzt muss ich wieder arbeiten. Ist nämlich gerade Weltwirtschaftskrise.
@Ramses101
Und Du alleine darfst dann entscheiden, dass die Plakate mit deiner Meinungsäußerung kaputt gemacht werden und auch vollstrecken? Weil Du die Aussage als Lüge beurteilst.
Du hast halt eine andere Auffassung von Eigentum. Da endet dann die Diskussion. Das sind ja keine Mitmach-Wände.
le Roi, dein Bild von dem alleinigen Entscheider über durch Sprüche “kaputt gemachte” Plakate ist ja ganz hübsch, aber komm doch bitte mal wieder runter.
(Das letzte Mal, als der hier anwesende Zerstörer derart marodierend durch die Straßen getobt ist, war er übrigens 10 oder so und das Ergebnis seines Anflugs von Anarchie und Angriffs auf die Demokratie war ein Ziegenbärtchen auf einem Wahlplakat. Politiker habe ich vergessen.)
@ramses101: Die Trillerpfeife habe ich hier eingebracht, richtig. Du bestätigst ja auch, dass Du es für Dein gutes Recht hältst, zu trillern, wenn Dir etwas nicht passt. Ist es im Zweifelsfall auch.
Die anderen dadurch nicht zu Wort kommen lassen zu wollen (und hier sehe ich die Parallele zu den Plakaten) halte ich allerdings für undemokratisch, für respektlos, für kontraproduktiv in Sachen Meinungsfreiheit und ganz einfach für schlechten Stil. Eine 68er-Unart in der politischen Auseinandersetzung – da wurden Andersdenkende auch immer gern niedergebrüllt und -gepfiffen. Paradoxerweise von denen, die sich den Kampf gegen Repressalien aller Art auf die Fahnen schrieben.
@Etix: Dass das schlechter Stil ist, steht auf einem ganz anderen Blatt. Mir ging es ausschließlich darum, dass es, im Gegensatz zum Bemalen von Plakaten, rechtens ist.
(Fürs Protokoll: Der hier anwesende Anarchist hat nie eine Trillerpfeife besessen oder genutzt, würde sie auch nie einsetzen wollen, es sei denn, jemand propagiert deren Verbot. Dann aber auch um so lauter)
Auch wenn der Herr Alfons das in zahlreichen anderen Kommentaren stets als verabscheuungswürdig aufgespießt: provozieren um des provozierens willen funktioniert. Sieht man ja auch an diesem Beitrag. Provokation schafft Diskussion, 43 Kommentare sind der Beweis. Und irgendwie scheint ihn ja auch die BILD zu reizen, denn vergessen wir nicht, Anlass dieses posts ist ein Artikel über einen 84jährigen Fotografen, der eine “Hobby”-Fotoaustellung über (vor über 35 Jahren) vollgekritzelte Plakate veranstaltet hat, über die — ach ja, richtig — in der BILD berichtet wurde. Und zwar positiv, und das darf nicht sein. Böser Kai, pfui, schäm Dich. Und Künstler samt Kuratoren gleich mit.
Das Schönste ist: alle diese politischen Plakate mögen ja das Eigentum einzelner Parteien sein – bezahlt aber wurden sie zu großen Teilen vom Steuerzahler, vulgo mir und Dir, lieber Spießer und den anderen bloggern, die sich hier so trefflich über juristische und moralische Feinheiten auslassen. Viel Spaß noch.
http://de.wikipedia.org/wiki/Parteienfinanzierung
Es war einmal ein Anarchist,
der wollt nichts lassen, wie es ist.
Drum nahm er eine Säge
und sägte ziemlich rege
an jenem Ast, auf dem er saß
im Apfelbaum. Doch er vergaß,
dass er danach, der kleine Mann,
nicht mehr von Früchten essen kann,
die über ihm im Baume hängen
und ihn zu einer Leiter zwängen,
die er jedoch schlägt in den Wind,
weil „Leiter“ ihm zuwider sind.
Nun sitzt er unten auf dem Arsch
und schimpft nach oben ziemlich harsch,
der Astabsäge-Anarchist,
dass dieser Staat ein Scheißstaat ist.
Und scheißt nach solcher Diagnose
sich selber in die eigne Hose.
Nur für ein wenig Perspektive:
http://www.blogsprache.de/2009.....raum-sein/
So wie es aussieht, wurden hier Plakate vom mit recht ordentlich Geld ausgestatteten politischen Gegner komplett unkenntlich gemacht – durch Überkleben. Wohlgemerkt, hier wurde nicht für den Betrachter sichtbar verändert und dadurch direkte Kritik an dem Plakat geübt, es wurde einfach komplett unsichtbar gemacht.
Klar, könnte man als konsequenteste Anwendung freier Meinungsäußerung sehen. Ist es aber selbstverständlich nicht, denn hier wird der politische Gegner einfach mundtot gemacht, ja, er wird zu einem Nichts, da er nicht mehr wahrnehmbar ist. Eine kleine Veränderung des Plakats, wie sie immer schon üblich war und wie Gundlach sie dokumentiert, macht im Grunde das Gegenteil, sie führt zwei Meinungen zusammen und stellt sie in den Mittelpunkt.
Über die Eigentumsschiene zu argumentieren scheint mir eher hilflos zu sein. Die Plakate selbst haben weder moralisch noch pekuniär einen großen Wert, sie haben ein kurzfristiges Ablaufdatum, wandern dann in den Müll. Anders sieht es mit den Aufstellern aus, hier ist eine Zerstörung einfach nicht in Ordnung. Aber darum geht es in Gundlachs Bildern auch gar nicht.
Ach ja, wenn den Parteien ihr Eigentum so wertvoll ist, warum brauchen die dann solange, diesen Müll nach Wahlen einzusammeln und zu entsorgen. Ich zitiere aus einem Werk, das viele Menschen nicht einmal mehr kursorisch zur Kenntnis nehmen. ‘Eigentum verpflichtet.’ Artikel 14 (2)
hier, noch was zum Thema: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=14137
Ich finde, NPD-Plakate gehören auf jeden Fall zerstört, beschädigt oder zumindest verfremdet.
@tom:
Wenn das so witzig und einfallsreich gemacht ist, dann kann ich das nachvollziehen; zumal es gegen die NPD geht. Einzelne, händische Kommentare oder Entstellungen finde ich auch bei den etablierten demokratischen Parteien okay, das müssen sie aushalten.
Aber was meiner Meinung nach nicht geht, das sind semiprofessionell zugepflasterte Wahlplakate, wie ich sie etwa in der Kölner Südstadt gefunden habe:
http://www.flickr.com/photos/drikkes/3875320242/