Wer braucht Google, wenn er Social Media hat?
Norbert Bolz irrt. „Ein Internetnutzer stößt in der Regel nur auf das, was er sucht.“ Der Medienwissenschaftler ist offenbar nur selten in Netzwerken unterwegs. Sonst wüsste er, dass die Nachricht und die Botschaft den Nutzer künftig vor allem findet — durch die Vernetzung mit ähnlich Gesinnten: „If the news is that important, it will find me.”
Google scheint zu ahnen, dass die Suche allein in Zukunft nicht mehr die Kernrolle spielen wird.
„It’s because of this fundamental shift towards user-generated information that people will listen more to other people than to traditional sources. Learning how to rank that “is the great challenge of the age ”, sagt Google-Vordenker Eric Schmidt in einem sehenswerten Video.
Lange Version
Es ist also geradezu zwingend für Google sich dem Thema zu widmen. Wenn sich der soziale Lifestream als Königsweg zum Auffinden von Informationen etabliert, ist das Geschäftsmodell von Google auf lange Sicht gefährdet, die Dominanz von Google angesichts der Networks endlich.
Ich glaube, die Freunde im Social Media-Kreislauf sind zunehmend erste und vertrauenswürdigste Quelle für Informationen und Nachrichten. Social Media wird damit zugleich zum wohl größten Konkurrenten für Google. Die Suche nach Nachrichten und Informationen könnte bald wie ein lästiges Stück Arbeit aus der Zeit Dampfmaschinen wirken, wenn diese Inhalte künftig ohne größere Mühe mit Unterstützung des eigenen Social Media-Ökosystems zum Nutzer finden.
Klar: Noch suchen Verbraucher nach Produkten und werden dazu bei Google mit Anzeigen bedient, um die Konsumenten zu entsprechenden Angeboten zu lotsen. Doch das ist nur ein Zwischenschritt auf dem Weg hin zu einem Informationsfluss, in dem die Suche sozialisiert wird und Nachrichten und Informationen den Nutzer in Echtzeit finden. Durch die Gespräche, die Nutzer in sozialen Netzwerken und im Lifestream selbst führen, die sie anstoßen und beobachten.
Gerade gestern erst bekam ich einen Anruf aus meinen Netzwerk, (früher hätte man dazu soziales Umfeld gesagt) in derjenige sich dafür bedankte, dass er dank eines Postings im Blog auf das neue Smartphone von Motorola aufmerksam wurde und seine Kaufabsicht in Sachen Iphone nun revidiert habe.
Es ist deshalb auch falsch, wenn der Publizist Richard David Precht auf den Münchner Medientagen über systemrelevante Massenmedien (er dürfte Print, TV und Co meinen) philosophiert, die der Kitt der Gesellschaft seien, weil sie Öffentlichkeit herstellen. Genauso gut könnte man die Sonntagspredigt als sozialen Klebestoff der Kirche bezeichnen, wo doch vor allem das gemeinsame Abendmahl die Gemeinschaft herstellt. Der Kitt der Gesellschaft entsteht eben künftig nicht durch Glotze und Papier, sondern durch die Vernetzung der Menschen untereinander.
Künftig klicken Menschen morgens nicht mehr als erstes auf Spiegel Online oder Bild.de, um das neueste des Tages zu erfahren. Stattdessen werfen sie beim Frühstückskaffee ein Blick auf Twitter oder Facebook, um zu sehen, was ihre Freunde relevant finden. Sie sind dem Verbraucher immer näher als jede Medienmarke. Die sozialen Netzwerke sind damit der neue Taktgeber des Alltags und der gesellschaftlichen Entwicklung. Das macht klassische Medien und Google nicht überflüssig, weil es auch immer Menschen wie Norbert Bolz geben wird, aber es sie stehen nicht mehr im Zentrum des Alltags.



















Und woher kommen die News, die meine Kontakte in den Social Media wichtig finden? Es wird auch in Zukunft Content Provider geben müssen, die die News in die digitale Welt hieven. Blogs werden ein wichtiger Teil davon sein, aber nicht die Alleinherrschaft übernehmen. Wär ja auch schlimm.
Ein häufiger Denkfehler ist die Annahme, auch in Zukunft mit linearen Prozessen rechnen: 1. Contentproduktion 2. Filtern 3. Weitersagen 4. usw..
Netzwerke sind Flickenteppiche und die Rollen der Teilnehmer temporär.
“Content” ist wahrscheinlich schon heute eine unzweckmäßige Metapher. (Medium=Form, und darin/ darauf befindet sich Inhalt)
Das ist überholte Ontologie.
Norbert Bolz kann es sich leisten, von der Zukunft her zu denken. Klassische Medienverteter sind hingegen berufsbedingt befangen. Dafür habe ich Verständnis, aber ich glaube sie müssen sich von diesem alten Denken verabschieden.
Social Media entwickelt sich weiter und — so meine kühne Prognose — die Welt wird keine zentralen, ursächlichen oder sonstwie hierarchischen “Content”-Produzenten mehr brauchen.
Sehr gute Zusammenfassung Herr Kohlbrück. Wie auch hier schon gelegentlich thematisiert, bedeutet das nichts anderes, als dass Unternehmen und Organisationen zukünftig selbst stärker als Medienanbieter auftreten werden. Die Kommunikation verschiebt sich dadurch von der Brechstange der Marketingkommunikation immer stärker in Richtung einer redaktionell-inhaltlich getriebenen Arbeit. Dabei gelten natürlich weiterhin die entsprechenden Qualitätsmaßstäbe: Ist es relevant?, Ist es unterhaltsam?, etc.
Eines dürfen wir nicht übersehen. Google hat schon reagiert. Mit Google Wave dürfte uns das Unternehmen schon bald das erste echte Meta-Social-Media-Medium zur Verfügung stellen, dass nicht nur viele verschiedene Plattformen integriert, sondern den Nutzen die Möglichkeit gibt, eigene und fremde Inhalte zu aggregieren. Aus der statischen Google-Suchmaschine (die auf lange Zeit noch zahlreiche Nutzer und damit Werbekunden finden wird) wird die dynamische Such- und Finde-Umgebung Wave, die auch den ein oder anderen Slot für Werbekunden bereithalten wird. Vor allem aber werden Personen in Unternehmen teil von Waves sein und dort viel direkter für ihre Produkte und Leistungen “werben” können. Aber eben nicht mit der Brechstange, sondern auf Basis einer redaktionell-inhaltlichen Kompetenz. Ich bin gespannt, welches Unternehmen, welche Agentur zuerst eine Google-Wave-Abteilung gründen wird …
@Hansi Hinterlader
Sicher, es wird noch eine ganze zeit Content Provider gebe, wie wir sie kennen. Aber wie lange noch als Primärquelle? Sie werden auch anders aussehen. Robert Scoble @scobelizer hat bei twitter jetzt schon mehr Follower/Abonenneten als etliche Zeitungen.
@Klaas Kramer
Gefällt mir, die kühne Prognose – “die Welt wird keine zentralen, ursächlichen oder sonst wie hierarchischen “Content”-Produzenten mehr brauchen”. Würde da noch das Wort institutionaliserte hinzufügen wollen. Manche sind ja immer die Ursache des Contents, und/oder aggegrieren und mutltiplizieren ihn. Nur müssen das (zumindest nicht immer) nicht mehr die kl. Medien sein. Es sei denn sie selbst oder ihre Teile (Autoren) werden zu einem aktiven Teil des Flickenteppichs.
@Sascha Stoltenow
)
Danke (trotz des “h”
Hm, wenn “Unternehmen und Organisationen zukünftig selbst stärker als Medienanbieter auftreten werden” seh ich schon die nächste Frage: Wie lange und in welcher Form brauchen sich noch die kl. Medien, um ihre Botschaften zu transportieren?
Goolge Wave ist in der Tat ein spannender Versuch die Kollaboration im Social-Media-Ökosystem in der eigenen Google-Welt zu halten und mit den bekannten Werbeoptionen zu vernetzen – mit dann auf Basis der Netze in der Wave noch genaueren Targetingchancen. Obwohl ich die Chancen von Wave als solchem derzeit nicht einzuschätzen vermag. Für Google-Verhältnisse und für normale Nutzer noch extrem komplex.
Oops, das “h” nehme ich natürlich zurück. Die Frage ist meines Erachtens jedoch nicht, ob Unternehmen die kl. Medien brauchen oder nicht, sondern wie sich deren Rollen verändern. Die vermeintlich kl. Medien sind nämlich schon lange nicht mehr nur die vermeintlich neutralen Berichterstatter, sondern Akteure, die recht aktiv in das Handeln von Unternehmen eingreifen (und ihre Hersteller, die Verlage, sind natürlich selbst Unternehmen). So weit, so Binse. Dass nun Unternehmen selbst stärker medial agieren, ist eine Mischung von institutioneller Notwehr und Gelegenheit. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass es selbst Großorganisationen nicht mit der publizistischen Kraft von großen Verlagen und Sendern aufnehmen können, auch, weil Publizistik eben nicht das Kerngeschäft dieser Unternehmen ist.
Meine Prognose: Qualitativ hochwertige Medien und special interest haben gute Chancen zu überleben. Sie erfüllen nämlich eine in der Tat wichtige und nicht durch die Unternehmen selbst substituierbare Funktion, bei der redaktionellen Verdichtung und Authentifizierung von Handlungen, beim Betrieb einer neutralen und damit glaubwürdigen Medienplattform und bei der Wettbewerbsbeobachtung. Warum genau diese Funktionen so wichtig sind, wird daran deutlich, wie groß der Aufschrei ist, wenn unlautere Methoden ruchbar werden.
Und last but noch least: Klassische Medien sind einfach unschlagbar unterhaltsam, denn sie dürfen Themen besetzen, die die Menschen interessieren, die Unternehmen aber nie oder nur sehr restriktiv handhaben: Geld, Macht, Sex und Tod.
Freunde im Social Media-Kreislauf als zunehmend erste Quelle: Ja. vertrauenswürdigste Quelle? Warum? Jene Quelle, der ich vertraue, ist nicht zwingend die vertrauenswürdigste. Aber meine ureigensten Interessen können sie um so gezielter treffen. Und das verändert auch in der Tat den Kitt der Gesellschaft – es geht um die Relevanz der großen Themen, die uns alle angehen. (nicht nur Freundeskreise, Teams und Interessensgruppen) Wie dies zu bewerten ist, werden wir erst in ein paar Jahren sehen.
Das mit den qualitativ hochwertgen Diensten etc. kann ich so nur unterschrieben. Von wegen dem Kitt der Gesellschaft: Willkommen in eienr mehr udn mehr globalisierten Welt, gruselig irgendwie