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Mein Onkel der Kohlenhändler – Ein Gleichnis für die Medienwelt

15. November 2009
von Olaf Kolbrück

Mein Onkel war Kohlenhändler im Ruhrgebiet. Mittendrin. Handelte mit allem, was die Erde hergab. Anthrazit 2, Koks, Brech 2, Eierkohlen, Briketts. Ein breites Portfolio würde man heute sagen. Irgendwann war er pleite.

Warum, hat er nie verstanden. Alle redeten vom Strukturwandel. Das hörte er immer wieder. Dabei war er hier doch mitten im Pott. Gab es etwas besseres für die Bergleute als Kohle? Sägten doch am eigenen Ast, die paar Kumpel mit ihren Heizungen. Ließen sich einlullen von den Herren in ihren Anzügen in den Verwaltungen. Hielten sich wahrscheinlich für sehr avantgardistisch. Richtige Bergleute, die Malocher aus dem Pütt, die würden ihren Kohleöfen treu bleiben. Das war ja wohl klar.

Man musste nur bessere Öfen machen. Das Gemeckere über die Qualität. Da war ja was dran. Gerade in den alten Bergmannssiedlungen gab es da ein paar Schätzchen, die müssten dringend überholt werden. Auch bei der Kohle gab es ja solche und solche. Es bestätigte ihm ja jeder: Kohleofen, das war doch viel gemütlicher, wärmer, anheimelnder als diese klinische, trockene Luft, die die Heizung verbreitete.

Heizung, das funktionierte vielleicht in Düsseldorf oder München. Aber hier lag die Kohle ja quasi auf der Straße. Übrigens immer seltener. Nichts mehr mit selber schippen. Inzwischen schüttete er den Koks jedem direkt in den Kohlenkeller. Die Leute fanden das nett. Serviceoffensive würde man heute sagen.

Er kannte viele Kunden, denen Heizungen genauso verdächtig waren wie ihm. Ofenwärme ist so gemütlich. Hatte dieser Studienrat nicht verstanden, der von Effizienz gesprochen hatte und ihm empfahl auf Heizungen umzusatteln. Das wäre die Zukunft, auch hier im Revier, hatte der gesagt. Also, wenn das so wäre, das wäre ja nen heißes Ding, hatte mein Onkel gelacht und machte Witze über den Boheme in Bochum.

Irgendwann wurde die Ladung auf den LKW immer leichter. Die Strecken kürzer. Ob er sich Sorgen machen musste? Wozu? Er hatte immer noch genug Kunden. Wurde halt ein LKW ausgemustert. Der war ohnehin ziemlich hinüber.
Diese jungen Leute, die machten halt erstmal jede neue Mode mit. Früher oder später, würden sie schon noch draufkommen, was sie an der Kohle hatten.
Geradezu grotesk, sich vorzustellen, die ganzen alten Häuser in Wanne, Herne, Wattenscheid, würden umgebaut. Was das kosten würde. Solch ein Aufwand. Die Menschen im Revier kannten schließlich die Vorzüge von Kohleöfen. Die schöne Glut, das Feuer. Das war auch alles erprobt, hatte sich bewährt. Heizungen – war das denn überhaupt sicher? Man hörte da ja so einiges.

Trotzdem wurde es immer weniger. Er strich Brech und Eierkohlen aus dem Angebot. War nicht schade drum. Lief sowieso nicht so gut und brachte unterm Strich nie viel ein. Er musste sogar seine beiden Fahrer entlassen. Um den einen war es nicht schade. Der hatte jetzt auch Heizung. Kann man sich das vorstellen? Was hatte er zur Entschuldigung gesagt? „Macht nicht so viel Dreck, sacht die Olsche“. Das allerdings etliche Bergleute, auch einige alte Kumpel inzwischen Heizungen hatten, das wurmte ihn schon. Auf der Zeche redete man ihm gut zu. Keine Sorgen. Man wolle sich drum kümmern. Gebietsschutz, Subventionen, Tradition – davon war jetzt immer öfter die Rede. In den beheizten Büros.

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Kommentare zu “ Mein Onkel der Kohlenhändler – Ein Gleichnis für die Medienwelt ”

  1. Spießer Alfons am 15. November 2009 um 18:32 Uhr

    Mönsch, Olaf — das erinnert mich an meinen Cousin mütterlicherseits. Der hatte damals, kurz bevor Dein Onkel die Eierkohlen aus dem Programm genommen hat, mit Kernbrennstäben gehandelt, die er mit Uran angereichert hatte. War der ganz große Knaller damals — effizient und umweltfreundlich und preiswert. Die ganze Welt schrie danach. Heizung mit Kohle war out, Elektroheizung war in. Und statt Öl im Keller zu verbrennen und auf die nächste Ölkrise zu warten, kam die Wärme nun aus der Ferne ins Haus.

    Dann passierte die Scheiße damals in Tschernobyl, und Kernkraft geriet in Verruf. Um es kurz zu machen: Mein Cousin gab sein Geschäft auf. Er ging quasi back to the roots, und zwar in den Wald, wo er heute als Holzfäller arbeitet. Die Leute sind zur Zeit nämlich verrückt nach Kaminöfen, die mit Holzscheiten beheizt werden. Das ist doch viel gemütlicher, wärmer, anheimelnder als diese klinische, trockene Luft, die die Heizung verbreitet. Da kommt richtige “Landlust” auf, wenn Du weißt, was ich meine.

    Übrigens: Die Preise für Brennholz sind rasant gestiegen in letzter Zeit. Viele Leute holen sich jetzt schon Briketts aus dem Baumarkt… ;)

  2. untergeek am 15. November 2009 um 20:15 Uhr

    Und ich wette, der Onkel hieß Rupert…

    Auch eine schöne Geschichte – hat der Chef der British Press Association erzählt: Als die Dampflok aufkam, hatten die Themse-Treidler ein Problem. Immer mehr Waren reisten auf Schienen statt auf den mit Muskelkraft gezogenen Schleppflößen Richtung London. Also setzten sich die Flößer hin und analysierten die Lage: eindeutig, der Wettbewerbsvorteil der Lokomotive liegt darin, dass sie viel schneller und stärker ist als unsere Arbeiter, da kommt menschliche Muskelkraft einfach nicht mit…

    Und sie beschlossen, ihre Kähne künftig von Lokomotiven ziehen zu lassen, um wieder konkurrenzfähig zu sein.

  3. Düldo am 15. November 2009 um 20:17 Uhr

    Mönsch, Spießer, so richtig haste aber gar nicht verstanden, was dein Bloggerkollege mit der Geschichte da erzählen wollte, oder?

  4. Spießer Alfons am 15. November 2009 um 21:37 Uhr

    @ Düldo

    Hast Du denn verstanden, was ich mit meiner Geschichte erzählen will…?

  5. Andreas am 15. November 2009 um 23:04 Uhr

    @Spießer: besten dank für die erleuchtung – so habe ich das noch gar nicht gesehen ;)

  6. Peter am 16. November 2009 um 09:35 Uhr

    und die Moral von der Geschicht, Eierkohlen lohnen nicht…

    Hätte es im Pott mehr Werbeagenturen gegeben währe wenigstens noch Koks gelaufen… aber so war das halt nicht so gut für den Onkel…

  7. Bernd am 16. November 2009 um 10:14 Uhr

    Nur am Rande: Der Plural von “Kumpel” im Bergbauzusammenhang ist: “Kumpel”.

    “Kumpel*s*” sind Freunde, die irgendwo zusammenhocken. Ganz ohne Schacht.

  8. OlafKolbrueck am 16. November 2009 um 10:33 Uhr

    @Bernd
    Danke für den Hinweis. Ist korrigiert. Wird Zeit mal wieder nach Wanne-Eickel zu fahren.

  9. Raphael Brinkert am 16. November 2009 um 21:34 Uhr

    Lieber Olaf,

    danke für die Geschichte & schöne Grüße aus´m Pott

    Raphael

  10. dieter aus dem westerwald am 27. Januar 2010 um 21:06 Uhr

    MEIN VATER-DER KOHLENHÄNDLER
    glaubte auch an die zukunft
    von kohlen und briketts…..
    IRREN IST MENSCHLICH!

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  1. off-the-record blog mit einem Gleichnis zum Internet. http://tinyurl.com/yaq4lrj

  2. bevor ich für heute Schluss mache hier noch ein schönes Gleichniss zur neuen Medienwelt: http://tinyurl.com/yaq4lrj

  3. Mein Onkel der Kohlenhändler – Ein Gleichnis für die Medienwelt – http://bit.ly/2hQv3v

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