HORIZONT.net HORIZONTjobs HORIZONTpeople HORIZONTstats

Spießer Alfons über arme Schlucker

2. Januar 2010
von Spießer Alfons

Mal genommen, liebe otr-Leser, Ihr wollt vorsorgen für Euer Alter. Hierzu setzt Ihr folgenden Plan in die Tat um: Jeden Tag steckt Ihr einen Euro in ein großes Fass. Das ergibt im Jahr 365 Euro und im Schaltjahr 366. Das tut Ihr zehn Jahre lang, woraufhin Ihr rund 3.650 gespart habt. Und danach macht Ihr das gleiche Sparprogramm weitere zehn Jahre. Demnach müssten nach 20 Jahren rund 7.300 Euro in Eurem großen Fass sein. Zinsen auf dieses Kapital habt Ihr natürlich nicht bekommen, aber immerhin: Es hat sich ein hübsches Sümmchen angesammelt nach zwei Jahrzehnten.

Und dann öffnet Ihr Euer Fass, das große. Und müsst feststellen: Es ist total leer! Alles Geld, mit dem Ihr für Euer Alter vorgesorgt habt, ist verschwunden. Und Ihr erkennt von einem Tag auf den anderen: 20 Jahre lang habt Ihr Euch umsonst jeden Tag einen Euro kosten lassen.

Wohin das Geld verschwunden ist? Ihr lest es in der Tageszeitung: Das Fass, das Ihr gekauft habt, hat keinen Boden. Und alles Geld, was ihr oben hineingesteckt habt, verschwand im Bodenlosen. Und Ihr seid nun ein armer Schlucker.

So etwas könnte Euch nicht passieren? Sagt so etwas nicht, liebe otr-Leser! Auch Alfons hatte bislang gedacht, es könne ihm Ähnliches nicht widerfahren. Aber es ist geschehen. Und so vernehmet die Beichte des Spießers:

Alfons wollte vorsorgen. Und was ist ein wichtigste Kapital fürs Alter? Richtig: Ein funktionierendes Gehirn! Solange es im Oberstübchen arbeitet, so lange kann der Mensch damit leben und auch Geld verdienen. Vorausgesetzt natürlich, dass sein Körper ähnlich beweglich bleibt wie sein Geist.

Und wie hilft man seinem Gehirn, funktionsfähig zu bleiben? Vor vielen vielen Jahren hat ein Homöopath dem Spießer empfohlen, Ginkgo zu schlucken. Nicht den ganzen Baum, sondern ein Konzentrat aus den Blättern des Ginkgo biloba. Daraufhin nahm Spießer Alfons täglich 240 g Tebonin zu sich. Das kostet pro Tag rund einen Euro. Der Hersteller Schwabe verspricht: „Mit Tebonin® fühlen Sie sich ausgeglichener, belastbarer und konzentrierter. Die Inhaltsstoffe aus dem Ginkgo helfen, die Symptome bei nachlassender mentaler Leistungsfähigkeit – wie Vergesslichkeit und Konzentrationsstörungen – zu lindern und Sie geistig fit zu halten.“

teboninschwabe.jpgSeit über 20 Jahren schluckt Spießer Alfons täglich Tebonin. Okay, er fühlt sich dadurch nicht schlechter, weiß allerdings nicht, ob er ohne das Ginseng weniger vergesslich wäre als heute.

Und nun kommt das Dramatische, nämlich der Verlust von rund 7.300 Euro, die der Spießer 20 Jahre lang in Tebonin investiert hat. In diesen Tagen ging nämlich durch die Medien: Ginkgo wirkt genauso wie Placebo. Von SPIEGEL ONLINE bis Süddeutsche Zeitung werden die armen Schlucker von Ginkgo darüber informiert, dass sie ihr Geld ins Bodenlose investiert haben.

Und was macht der Hersteller von Tebonin? Schwabe lässt eine Stellungnahme abgeben. Von einer PR-Agentur. Und dort liest man, dass der Test in den USA nicht korrekt gewesen ist.

Was nun? Wem sollen sie jetzt glauben, die Ginkgo-Schlucker? Und davon gibt es nicht wenige, die das Präparat täglich zu sich nehmen: Ginkgo gehört zu den meistverkauften Produkten der Selbstmedikation. Auch Spießer Alfons befindet sich nun in der Situation des Zweifelns. Zum Glück hat er aber schon vor Jahren einen Ginkgo-Baum in seinem Garten gepflanzt. Notfalls wird er ab dem kommenden Frühjahr, wenn der Baum wieder Blätter hat, diese selber ernten und an das Wort glauben, welches einst sein Kollege Johann Wolfgang von Goethe geschrieben hat, nämlich:

teboninmadchen.jpg

Ginkgo Biloba

Dieses Baumes Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut.

Ist es ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Dass man sie als eines kennt?

Solche Fragen zu erwidern
Fand ich wohl den rechten Sinn.
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Dass ich eins und doppelt bin?


Teilen und aufbewahren Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • TwitThis
  • Facebook
  • del.icio.us
  • MisterWong
  • email
  • Y!GG
  • Wikio DE
  • Webnews
  • Digg
  • Alltagz
  • StumbleUpon
  • Linkarena
  • LinkedIn
  • Bloglines

Ähnliche Artikel

Tags: , , , , , , ,

Kommentare zu “ Spießer Alfons über arme Schlucker ”

  1. Doc Holiday am 3. Januar 2010 um 01:38 Uhr

    „Leck mich im Arsch“, da möchte man ja mit der eisernen Hand dreinschlagen.

  2. Peter am 3. Januar 2010 um 07:24 Uhr

    Das Geld kann man doch bestimmt vom Hersteller zurück verlangen. Schließlich hat der die Beweispflicht, dass sein Produkt wirkt. Und wenn jemand heiße Luft in kleinen Dosen verkauft und in den Büchsen ist nur kalte Luft, dann kann der Käufer das auch reklamieren.

  3. Arnulf am 3. Januar 2010 um 15:11 Uhr

    Tja, ist schon schwer, wem man da glauben soll: Einer wissenschaftlichen Studie, die in einer führenden medizinischen Fachzeitschriften erschienen ist, die dem Peer-Review-Verfahren unterliegt, oder dem PR-Erguss eines Pharmaunternehmens?
    Aber wer zu Homöopathen geht, glaubt bestimmt auch an den Weihnachtsmann.

  4. Peter am 4. Januar 2010 um 11:19 Uhr

    Spiesser, was soll man dazu sagen…. Ob Placebo (die auch wirken, wenn man dran glaubt) oder nicht. Du hast ein gutes Gefühl dabei gehabt und eine Happy-Pill für einen Euro pro Tag ist auch nicht so teuer.
    Klar, der freundliche Ginkgo-Dealer hätte auch sagen können, du sollst jeden Tag eine Stunde spazieren gehen, das ist genauso gut, wenn nicht noch besser. Aber wie das so ist, was nichts kostet ist auch nichts wert und wenn Du das Gefühl brauchst, dass dein Wohlbefinden auch was kosten muss, dann ist Ginkgo die richtige Wahl für Dich.

    Wenn Dir diese Sichtweise schwer fällt seh es einfach als Lehrgeld in Sachen Werbung an und wenn Du Dich als Werber fragst, wie verkauft man ein sinnloses Produkt an eine werbekritische Zielgruppe und schafft gleichzeitig eine jahrelange Kundenbindung – genau so, wie der Ginkgo-Dealer :-)

  5. Mario H. am 6. Januar 2010 um 15:24 Uhr

    Was soll man dazu sagen? Auf der Packung steht nicht, dass Gingko sicher vor Alterserscheinungen schützt, sondern vielmehr, dass es das kann. Oder, dass es Belege dafür gibt, dass es das tut. Oder, dass es traditionell angewendet wird zur…
    Bei ebay und bei Gesundheitsprodukten muss man nun mal sehr genau lesen.

  6. AndreasK am 11. Januar 2010 um 14:58 Uhr

    Mir wurde das Kraut vom HNO-Arzt empfohlen. Ach was sag’ ich: verschrieben hat er’s sogar! Wider besseres akademisches Wissen. Wen’s interessiert, der darf hier gerne kurz nachlesen:
    http://tina-andi.blogspot.com/.....r-hno.html

    Zum Glück habe ich nach einer Packung direkt wieder aufgehört, denn mein Problem – ein hoher Ton im Ohr ohne Mute-Taste – hat sich zum Glück von selbst erledigt.

Kommentieren

ivw