Digitale Wimpelbude Foursquare
Early Adopter, die sich dadurch definieren, dass sie nicht nur eine digitale Fußfessel namens iPhone oder Blackberry haben, sondern angesichts verspäteter S-Bahnen und der Warteschlangen bei Starbucks (morgens) und Ikea (nachmittags) auch die Zeit, alles auszuprobieren, haben ein neues Spielzeug. Foursquare heißt es und ist so etwas wie eine digitalisierte Wimpelbude des Multimedia-Zeitalters.
Ich schaue immer noch staunend auf das Phänomen Foursquare. Doch wie erkläre ich es meiner Mutter? Vielleicht so: Foursquare kann man auf dem Smartphone installieren. Der eigene Standort, per GPS ermittelt, kann dann an die Foursquare-Webseite geschickt werden. Ich kann damit beispielsweise anzeigen, dass ich gerade beim Lidl bin und das meinen Freunden mitteilen. Umgekehrt kann ich auch sehen, welche Orte es in der Nähe gibt und wer schon dort war oder gerade da ist. Jeden Ort kann man zudem zusätzlich mit Informationen und Tipps versehen.
Und wer will das? Das fragt sich nicht nur meine Mutter.
Antwort: Viele wollen das. Was auch daran liegt, und das ist jenseits von Foursquare selbst einer der bestechenden Ideen des Modells, dass dieser virtuelle Stadtführer sehr spielerische Elemente enthält. Foursquare zählt mit, wie oft man beispielsweise dem System und dem Rest der Welt mitteilt: Bin im Döner, Gallusviertel.
Dafür gibt es Punkte. Die münden in lustigen kleinen Orden und Titeln. Sogar Bürgermeister einer Location kann man werden. Spaß, plus verspieltem Belohnungssystem, plus potenziellem Nutzwert – dieser Gaming-Mechanismus hat im Web noch meistens funktioniert.
Und wer will das? Mütter können so hartnäckig sein!
Was habe ich davon Bürgermeister vom Kaiser`s zu werden? Aber es sind eben derzeit nicht nur die 12 bis 19-Jährigen, die Foursquare nutzen, sondern vor allem mobile Erwachsene, die im Berufsleben stehen. Vor allem scheinen es mir Männer zu sein.
Vermutlich, weil Foursquare zum einen dem männlichen Bedürfnis entgegenkommt, Duftmarken zu setzen, zum anderen, weil sie dann noch seltener in Verlegenheit geraten, nach dem Weg fragen zu müssen.
Aber dennoch sollte man Foursquare beziehungsweise die Idee dahinter nicht als kurze Laune der Web-Welt abtun. Der Gedanke, die Kommunikation und Vernetzung mittels standort-bezogener Dienste weiter zu lokalisieren, hat Zukunft, weil wir auf in einem zunehmend komplexeren Leben zumindest genauer wissen wollen, was in unserem direkten Umfeld passiert und mit diesem schneller, einfacher und unverbindlicher in Kontakt treten möchten.
Wer sich an die Ungewissheit erinnert, die einen beschlich, wenn man nach der Schule nicht wusste, ob Teile der Clique schon beim Tchibo waren oder doch noch beim Mittagessen, weiß, was ich meine und würde Foursquare sofort installieren.
Solche standort-basierten Dienste sind daher natürlich auch für das Marketing interessant. Wie bekomme ich Menschen in meinen Laden? Statt „Come in and find out“ also „Come in and tell all”. Welche Stammkunden gibt es? Waren meine Freunde schon da? Was für Typen sind überhaupt dort gewesen. Antworten gibt Foursquare. Wie kann man solche Besucher belohnen? Beispielsweise, in dem man dem Bürgermeister einen ausgibt.
Vodafone hat das bereits ausprobiert, samt Aktivierung per Gewinnspiel. Die Reichweite, gegenwärtig selbstverständlich eher gering, weil Foursquare hierzulande eben ein Early Adopter-Ding und noch nicht weit verbreitet ist. 123 Check-ins und 19 Unique Vistors zählte beispielsweise Foursquare für den Flagship-Store in Hamburg.
Alles Männer.
Ich sags ja.
Dennoch muss man Foursquare und ähnliche Dienste im Auge behalten. Sie werden an Bedeutung gewinnen.
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da stellt sich natürlich die Frage – was macht Mutti?
Also ich nehme mal an, dass “Mutter” hier mehr als Synonym für all diejenigen gemeint ist, denen sich der Sinn von Foursquare nicht erschließt. Und zu dieser Gruppe gehöre ich auch.
Nein, bei mir ist es mehr als nur verständnisloses Kopfschütteln, wie man es von “Mutter” kennt. Die vermeintlichen Vorteile des Immer-Wissens-wer-wo-was-tut erschließen sich mir nicht bzw. wägen sie meiner Meinung nach nicht die Nachteile auf. Ich bin immer wieder ein wenig fassungslos, wenn ich Aufzählungen wie diese lese, die mit keinem Wort die Gefahren des Geotagging erwähnen.
Gefahren lauern überall, immer. Die Chancen sind aber auch toll, wenn ich mich irgendwo einchecke, und feststelle, daß noch andere Leute, die ich kenne, dort waren oder vielleicht gerade da sind. Nicht so sehr, wenn ich beim Supermarkt bin, aber eben viel eher abends, wenn man unterwegs ist.
Für mich in bewegten Zeiten und bewusster Erreichbarkeit ein ausbaufähige a)Anwesenheitsliste und b)die eingetreten Wege und bekannten Plätze verlassen und neues entdecken.
Für mich hat sich der Nutzen von Foursquare für den Nutzer erst sehr begrenzt erschlossen und so bin ich schnell vom “early adopter” – nach dem Motto “first in, first out” auf die Seite des “early ignorers” gewechselt. In den nächsten Jahren werden hier allerdings Anwendungen entstehen, die sehr viel mehr Funktionalität an den Tag legen. Wenn man im WEB Bereich seinen Lebensunterhalt verdient, wird es schwer werden “location based services” zu ignorieren…
“Wenn man im WEB Bereich seinen Lebensunterhalt verdient, wird es schwer werden “location based services” zu ignorieren…”
Natürlich kann man’s nicht ignorieren, sollte sich aber auch kritisch damit auseinandersetzen. Funktionalität hin oder her, ich bleibe dabei, dass die Risiken viel zu wenig diskutiert werden.
Ich bin nicht zu Hause, bitte raubt mich aus!!!!!!!!!! Ich finde es erschreckend wie wenig Gedanken sich manche Leute über Sicherheit machen. Natürlich haben wir alle Firewalls etc. , aber dürfen wir doch unsere Persönlichkeit, die durch dieses Programm ständig beobachtet und analysiert wird und die Gefahr des Mißbrauchs solcher Informationen vergessen.