Macht Social Media müde?
Werden die Early Adopter des Mitmach-Web müde? Im Web machte kürzlich der Begriff Social Müdia die Runde. Die Social Media-Müdigkeit. Schon verlangsamt sich das Twitter-Wachstum: Die Zuwachsrate neuer Nutzer sank im Oktober 2009 auf ein Plus von 3,5 Prozent. Vor einem halben Jahr lag sich noch über 10 Prozent. Desinteresse? Überforderung? Ist der Hype schon vorüber, bevor er richtig begonnen hat? Fest steht: auch bei den Early Adoptern findet eine zunehmend kritischere Auseinandersetzung mit dem Sinn von Facebook, Twitter und Co statt.
Leben die Menschen im Internet oder werden sie von den Online-Diensten gelebt – Fragen wie dieser geht beispielsweise Sevenload-Gründer Ibrahim Evsan in dem Buch „Der Fixierungscode“ nach.
Die Folge: Wir müssen lernen im Digitalen zu leben. „Wenn ich anfangen würde, die Informationen nach gelernter Art und Weise der analogen Welt, zu bewerten, würde ich zu keinem Ergebnis kommen, weil die Informationsdichte in der digitalen Welt wesentlich höher ist. Kurz: Die Mechanismen der realen Welt greifen nicht wirklich in der digitalen Welt, wir müssen unser Verhalten modifizieren, es bewusst anpassen, um nicht in der Informationsflut unterzugehen“, schreibt er in seinem Blog.
Positives Ergebnis der Social Media-Müdigkeit wird also nicht die Abkehr von der vernetzten Welt sein, sondern ein bewussterer Umgang mit ihr. Ein typischer Hype-Zyklus, wie ihn auch kleine (und große) Kinder bei neuem Spielzeug zeigen. Mit Blick auf Social Media beginnt also allmählich die Phase der produktiven Nutzung. Damit kommt auch der Spaß zurück.
Mag sein, dass auf diesem Weg der eine oder andere Dienst in der Spielkiste landet und nicht mehr angefasst wird. Was bleiben wird aber, ist das Spielprinzip das mit ihm in die Welt gekommen ist. Mag also sein, das Twitter in einem Jahr genauso ein belächeltes Thema ist wie Second Life (auch wenn die Zahlen dort anderes unterstellen). Doch auch ohne Dauergezwitscher ist das Konzept des Dialogs und der Vernetzung von Dauer, ebenso wie die Individulisierung des Nachrichtenflows. Google Top-Manager Arora auf dem DLD: “I get most of my news today from following Twitter feeds.”
Was danach kommt: Sicher nicht der Weg zurück in die Stille: Wie sagt doch Kathrin Passig auf Tagesschau.de: „An die Stelle von Facebook wird nicht der Prä-Facebook-Zustand treten, sondern Angebote, die noch viel stärkere Verwerfungen in unseren sozialen Gepflogenheiten mit sich bringen”.
Gefragt ist deshalb, auch angesichts des rasanten Wachstums der Social-Media-Nutzung, eine Digitale Evolution, in der wir die Welt und ihre Werkzeuge an unsere Bedürfnisse anpassen. Wir müssen nicht nur lernen, wie man die neuen Möglichkeiten bedient, wir müssen vor allem lernen, wie man sie produktiv beherrscht und souveräner mit ihnen umgeht.
Statt eines PS:
Plädoyer für einen fernsehfreien Tag, Helmut Schmidt, 1978












Ich kann diese Wachstumsfixierung nicht nachvollziehen. Dass Dinge, die nicht mehr wachsen, am Ende wären, ist ein Theoriekonstrukt von Wirtschaftsuntergangsparanoikern. Im wirklichen Leben sind Dinge auch einfach mal fertig mit Wachsen.
Aber es stimmt schon, eine gewisse Müdigkeit stelle ich bei mir und in meinem Social-Media-Umfeld auch fest – insbesondere beim Bloggen. Aber das ist keine Müdigkeit im Sinne von ausgepowert, sondern eher eine Art Innehalten. Ich muss mich auch nicht mehr bei jedem Mist anmelden, die Meldungen sind ja eh die gleichen.
Wie, endloses Wachstum geht nicht? Was ist denn das bitte für eine Einstellung?
Ich denke, dass viele Nutzer in eine Phase des persönlichen Filterns geraten, die in einer knappen Auswahl der für sie relevanten Informationsflüsse resultiert. Ich mache mal den Fehler und schließe von mir auf den Rest: Wen interessiert, dass der Bernd schon wieder shoppen war und die Tanja gerade ne Latte schlürft? Leeres Gerede um des Brabbelns Willen? Oder der Xte Blogeintrag zum gleichen Thema. Das blende ich einfach aus, dafür habe ich nämlich einfach keine Zeit. Wenn Leute, die ohnehin nicht viel zu sagen haben, aus Hipnessgründen zu faul für eine simple E-Mail werden, kann das nicht mein Problem sein.
Leseempfehlung für “Der Fixierungscode” oder nicht? Bei Amazon scheint man sich ja einig zu sein…
Ja, natürlich stürzt man sich erstmal auf solche Kommunikationswege wie auf ein neu entdecktes Spielzeug und dementsprechend erkaltet dann auch anschließend das Interesse.
Ermüdung? Ich finde die Kommunikationsstrategie einiger Firmen kann man auf diesen Kanälen eher als anstrengend bezeichnen, nicht die Medien selbst.
So trägt sich zum die hochgekochte, durch Gerüchte geschürte Diskussion von Apple bis in den privaten Bereich und das ermüdet mich so langsam schon
Für mich ist es vor allem die im Gratis-Kapitel der digitalen Evolution angesprochene “optimierte Informationsverarbeitung”, auf die es noch stärker ankommen wird. Ich selbst habe bspw. (noch) kein Smartphone (!), über das ich überall mobilen Zugang zum Web hätte. Dadurch ist das Überschreiten der täglichen Online-Offline-Grenze extrem holprig und ich beobachte mich online ständig dabei, meine Informationsaufnahme effizienter zu gestalten (weil “bin ja gleich wieder offline” auf dem Weg zum Bekannten/ Sport/ Einkaufen, etc.), stoße aber an Grenzen. Einige Trends werden meiner Meinung daher unausweichlich zunehmen: mobiles Internet, Selbstdisziplin und Zeitmanagement im Web, Tool- und Plattformvernetzung.
Das Ende. Gratulation. Sie haben das Internet durch. Das ist die letzte Seite. Danke für Ihren Besuch. Bitte schalten Sie Ihren Computer jetzt aus, und machen Sie etwas Produktives.
Echtzeit-Kommunikation ohne softwaregestützte UND persönliche Filter ist anstrengend. Für mich jedenfalls. Interessnterweise ermüdet mich Bloggen und das Kommentieren von Blogbeiträgen erheblich weniger als das vielfältige, meinungslose Linkgeschubse bei Twitter.
Das liegt wohl daran, dass ich an wirklich relevantem Content und am Äußern von Meinungen interessiert bin und weniger am Multiplizieren von Fremdmeinungen.
Ich habe auch das Gefühl, eher etwas zurückrudern zu müssen und das Wesentliche noch konsequenter herauszufiltern, womit auch die persönliche Zeitbeschränkung gemeint ist. Vielleicht erschafft die Evolution ja für die kommenden Generationen größere Gehirne, die mehr Informationen in kürzerer Zeit aufnehmen können. Meine Grenze ist so ziemlich erreicht. Und dass auch ohne Smartphone.
Auch ein analoges Leben in Teilzeit kann durchaus schön sein ;o)