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Zeitungen und Zimmerkamine

10. Februar 2010
von

AnsichtssacheBeispielsweise Zimmerkamine mit Ethanol. Die flackernden Brennpasten hinter Glas wärmen nicht, sie riechen nicht, sie sind häufig eine geschmackliche Verirrung und taugen vor allem als stilistisch fragwürdiges Mittel der Abgrenzung gegen andere Milieus. Eine Fackel des Mittelstands, die die Geister des sozialen Niedergangs vertreiben soll, eine Firewall gegen die Krise, ein Stück Status für das Streben in die höheren Gesellschaftssphären, die sich zum Kachelofen auch das Silber leisten können.

Vielleicht könnte dies eine Blaupause für Tageszeitungen sein. Man benötigt sie wohl nicht wirklich mehr in der digitalen Zukunft. Es sei denn als Status-Symbol und als Anker der Selbstvergewisserung gegen den Rest der flüchtigen Welt. „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“ wirbt seit langem die FAZ und da schwingt auch genau jene Selbstverortung des Lesers mit, der sich in seinem intellektuellen Anspruch vom Gegenüber in der S-Bahn abgrenzt.

Wenn iPhone und iPad Monstranzen des eigenen Lifestyle sind, können sich dann nicht auch Zeitungen deutlicher als Hilfsmittel für den Ausdruck der Persönlichkeit des Lesers positionieren?

Vielleicht müssen Blätter dies künftig noch deutlicher hervorkehren. Statt ihre Bedeutung weiter als Informationsvermittler zu sehen, der den Ereignissen der Vergangenheit einen Rahmen gibt, die Rolle fokussieren, die sie als gesellschaftliches Stützkorsett und Ego-Botox erfüllen können.

Zeitung lesen, um sich abzugrenzen. Zeitung lesen als stilistisches Statement. Dafür braucht es klare Differenzierungsfaktoren.

Verbreitung von Nachrichten gehört nicht dazu. Die Art der Aufbereitung aber schon. Vielleicht müssen sie sich dafür sogar noch weiter von ihrer Chronistenpflicht verabschieden, sperriger werden und auf Leser verzichten, um jene zu erreichen, die man gewinnen möchte.

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Kommentare zu “ Zeitungen und Zimmerkamine ”

  1. hmm am 10. Februar 2010 um 10:25 Uhr

    na ich weiss ja nicht…so böse auf unsere zeitungen?

  2. Markus Väth am 10. Februar 2010 um 12:22 Uhr

    “Zeitung lesen, um sich abzugrenzen. Zeitung lesen als stilistisches Statement. Dafür braucht es klare Differenzierungsfaktoren.”

    Sehe ich genauso. Wenn jemand in Zukunft mit der “ZEIT”, der “Financial Times” oder dem “Mac Life” herumrennt, ist das ein Lebensstil-Statement, genauso wie Markenklamotten oder der Fanschal. Da steckt für die Papier-Magazine und Zeitungen noch Potenzial für Positionierungen drin.

  3. Thomas Engeli am 10. Februar 2010 um 12:53 Uhr

    So einfach. Und so wahr.

  4. Julia Rathjen am 10. Februar 2010 um 15:17 Uhr

    Wunderbar. Diese Stimmung spricht mir aus der Seele. Makro-Auflagen über Nischenprodukte für den erhabenen Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs. Idee gefällt mir. Hauptsache, man muss nicht schwarzen Rollkragen oder Sommerschal dazukaufen.

ivw