Spießer Alfons: Ein Schreiben vom Chefredakteur
Kürzlich sprach der Spießer mit einem Verleger, der an dieser Stelle ungenannt bleiben möchte. Er verlegt nicht nur Teppichböden, sondern auch Frauenzeitschriften. Und während er für das Verlegen von Teppichböden noch Mitarbeiter sucht, hat er bei seinen Frauenzeitschriften soeben allen Redaktionsmitarbeitern gekündigt. Genauer: Von drei Titeln wurden die Redaktionen komplett aufgelöst.
Zwei Mitarbeiter hat der Verleger behalten: eine grafische Praktikantin und einen leitenden Sachbearbeiter. Letzterer wird im Impressum als “Chefredakteur” ausgewiesen. Von allen drei Titeln. Und dieser Chefredakteur hat soeben ein Rundschreiben verfasst und an die Werbung treibende Wirtschaft verschickt. Genauer: An die Mode-, Kosmetik-, Food- und Pharma-Branche. Das Schreiben hat folgenden Inhalt:
„Sehr geehrte Damen und Herren –
Ihre Zurückhaltung bei der Schaltung von Anzeigen hat unseren Verleger dazu gezwungen, alle Journalisten unseres Hauses zu entlassen. Deshalb müssen wir Sie bitten, Ihre Pressetexte in Zukunft so zu verfassen, dass wir sie abdrucken können, ohne dass ein Redakteur sie umschreiben muss. Das bedeutet: Pro Titel einen gesonderten Text, der deutlich auf die Leserschaft abzielen muss. Leseranalysen finden Sie in der Anlage. Auch bei den Fotos erbitten wir zukünftig etwas mehr Mühe Ihrerseits: Reine Packshots sind zu wenig, wir benötigen ‘redaktionelle Aufnahmen’, was meint: Menschen sollen die Produkte tragen, in Händen halten, anwenden oder schlucken.
Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass in Zukunft für diese PR-Beiträge ein Zeilenhonorar fällig wird, das Sie pro Zeile an den Verlag zu entrichten haben. Genauso werden Fotos ab sofort nach abgedruckten Quadratzentimetern berechnet. Eine Preisliste, die den gültigen Anzeigentarif ergänzt, haben wir beigefügt.
Auch im Vertriebssystem wurde von uns eine Neuerung eingeführt: Sie, unsere redaktionellen Partner, sollen uns künftighin auch stärker bei der Distribution unserer Frauenmagazine zur Seite stehen. Da Sie ja ein besonderes Interesse haben, dass Ihre redaktionellen Beiträge gelesen werden, wäre es sinnvoll, wenn Sie dafür sorgen, dass unsere Magazine überall im Handel an der Kasse liegen, wo auch Ihre Produkte verkauft werden. Hierzu beliefern wir Sie zu Grossopreisen, allerdings ohne Remissionsrecht, was Sie bitte verstehen wollen. Nicht verkaufte Hefte können Sie dann ja sinnvollerweise als Werbeexemplare in den Wartezimmern von Frauenärzten und bei Friseuren einsetzen.
Gern bringen wir in unseren Zeitschriften weiterhin Berichte über Ihr Unternehmen mit Interview des Firmeninhabers. Auch diese wollen Sie uns bitte druckreif liefern. Die Abrechnung erfolgt nach den gleichen Kriterien wie bei den Produktberichten.
Sie mögen aus diesem Schreiben erkennen, dass wir ein sehr innovativer Verlag sind. Bei dieser Gelegenheit: Sollten Sie in Ihrem Firmengebäude einen neuen Teppichboden benötigen: Unser Verleger besucht Sie gern zu einem unverbindlichen Gespräch.
Mit freundlichen Grüßen
Peter Pustekuchen*)
Chefredakteur”
*) Name geändert
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Dann ist die grafische Praktikantin ja ab heut nachmittag die Letzte im Haus, hehe … Achja: Un.Glaub.Lich. Aber Hand hoch, wen das wirklich überrascht …
Das ist jetzt die Art von Humor, die ich nicht als solche erkenne, oder? ODER?
Humor? Real-Satire ist doch kein Humor!
Ich kann da an sich auch keine Satire erkennen. Hörte kürzlich aus einer PR-Dings (sinngem.): “Naja, das Geld was ich den Fachmagazinen für das Besuchen/Berichten von Events gebe könnte ich auch gleich an Blogger ausschütten.”
Und schon bei meinem ersten Pressepraktikum im Lokaljournalismus hab ich Dinge erlebt (das war im, Sommer 1984 :=))…
..und die grafische Praktikantin kann nicht schlechter sein als der ArtDirector von Bulgari, der Juliane Moore gleichzeitig von hinten, seitlich und von vorne zusammenmontiert hat( siehe Photoshopdesaster.com)
Da es sich um Frauenzeitschriften handelt, muss der Chefredakteur nur die Sendungen über die Schönen, die Reichen und die ganz schön Reichen verfolgen und mit alten Fotos aufpeppen und diese neu betexten, sowie z.B. Valerie Long für den erotischen Fortsetzungsroman anheuern, und fertig!
Wird das nicht schon länger so gemacht?
Hauptsache, der Sachbearbeiter schreibt dann auch “Anzeige” über die PR-Texte.
Es reicht wohl ein Hinweis auf dem Titel: “Dauerwerbemagazin” – alternativ ein Portrait von Walter TV-Shop, geb. Freiwild
Nur zu meinem Verständnis: hat besagter Chefredakteur diesen Brief tatsächlich versandt?
Und wenn ja, was waren die Reaktionen und Konsequenzen daraus?
Wie ich inzwischen gehört habe, sollen sich viele Firmen auf das Angebot gemeldet haben, und zwar was die Verlegung von Teppichböden betrifft. Da ist es doch gut, wenn ein Verlegern nicht nur auf einem verlegerischen Bein steht, sondern diversifiziert.
Achso, Abteilung Satire … Bei diesem Informations-/Satire-Mashup kommt man manchmal nur schwerlich mit. Nicht gut. Zum Brief: Gewundert hätte es wohl die Wenigsten …
In der Reihe “Fast vergessene Worte” präsentieren wir Ihnen heute: “künftighin”
Wunderbarer Artikel! Mal wieder auf den Punkt!
Eine sehr schöne Satire, die den Nagel auf den Kopf trifft!
Mein Arzt machte mich (Musik-VERLEGER) mal drauf aufmerksam, dass es auch Bierverleger gäbe (stimmt!) und fand das ebenfalls gaaaanz lustich.
Lustig sind auch die Kommentare von Leuten, die absolut nix begriffen haben!
Übrigens hat schon letztes Jahr ein Kunde von uns sein PR-Budget drastisch gekürzt, weil ein Kinderzeitschriften-Verlag ihm die redaktionellen Seiten über seine Produkte gratis zu den Anzeigen dazuversprach.
..na, da wäre obiges Modell doch zu begrüßen! Immerhin zahlt der Kunde hier auch für seine “Berichte”..
Super Text, vielen Dank dafür. Und viel zu wahr, wobei eher nicht für den Abdruck der Werbung gezahlt wird…
Hört sich aber nicht sooooo unrealistisch an. Kein Wunder, dass hier der ein oder andere verwirrt ist.