So lasst uns denn eine Druckmaschine kaufen
„Wir haben 10 iPads bestellt, aber wir investieren auch in zwei neue Druckmaschinen“. Dieser Satz von Christian Lindner, Chefredakteur der Rheinzeitung, ist mir als Moderator beim Mediacoffee in Frankfurt (Fotos) besonders in Erinnerung geblieben. Ein Apfelbäumchen-Pflanzer im Sinne Luthers? Ein letztes Aufgebot? Quatsch.
Die Zukunft, das zeigte die Runde mit Wolfgang Büchner (dpa), Christian Lindner (Rheinzeitung), Klaus Flettner (kommunikationsverband) und der Journalistin Ulrike Langer ist nicht schwarz–weiß , nicht nur digital statt analog. Sicher wälzen das Ipad, das mobile, portale Internet, Social Networks die Medienlandschaft um. Doch auf der digitalen Wiese ist weiter Platz für Apfelbäumchen. Auch wenn diese weniger Früchte tragen.
Seien wir ehrlich. Gegenwärtig reagieren die Verleger auf das iPad, wie die Pennäler auf die Aussicht auf den ersten Sex. Wie das erste Mal verläuft – nun, die Erinnerung verklärt da einiges. So sind selbst die vielversprechenden ersten Lösungen für Magazine auf dem iPad derzeit vor allem digitale Gimmicks, so nachhaltig relevant wie die Urzeitkrebse in den Yps-Heften.
Der Strukturwandel ist da. Aber er wird in den kommenden Jahren zunächst einmal die langweilige Mitte treffen. Der Abschied von Springer und WAZ vom Aust-Projekt „Die Woche“, vielfach schon als Signal für „Print lebt“ stilisiert, ist denn auch kein Symbol für die Chancenlosigkeit des Mediums schlichthin. Print stirbt (noch) nicht, es macht eine Metamorphose durch.
Beispiele wie Landlust, Nido, Neon, Beef und der Bauer-Versuch mit Happynez zeigen, wo die Reise hingeht. Hin zu Special-Interest-Titeln mit enger definierten Zielgruppen mit klarer fokussierten Inhalten. Was es nicht mehr braucht, ist die gedruckte Wundertüte, die Karstadts der Medienmarken. Denn die Wundertüte der Zukunft ist schon jetzt das Internet. Diese Wundertüte füllen die Empfehlungen meiner Freunde bei Facebook und Twitter. Klassische Medienmarken, nur noch en passant wahrgenommen, spielen da keine Rolle mehr.
Allerdings: Auch die Apfelbäumchen wachsen nicht mehr in den Himmel. Verlage müssen sich aus ihrer Welt mit Renditen von 20 oder 30 Prozent verabschieden. Für immer. Sie müssen die Kunst lernen, mit einstelligen Renditen zu leben. Das können sie nur, wenn sie entweder die Preis- und Kostenführerschaft anstreben, oder die Qualitätsführerschaft in ihrer Zielgruppe halten.
So werden wir denn auf Dauer eine gespaltene Medienwelt sehen. Auf der einen Seite: Die Aldi-sierung der Medienwelt mit dem Nachrichten-Discount-Nutzer. Auf der anderen Seite, der Premiumkunde, der bereit ist für sein spezielles Produkt einen höheren Preis zu zahlen –wenn ihm dafür journalistische Höchstleistung geboten wird.
Focus hat gerade eine Erhöhung des Copypreises angekündigt. Wolfram Weimer wird zeigen müssen, ob das künftige Heft das Preispremium rechtfertigt. Preise nur mit Blick auf wirtschaftliche Notwendigkeiten anzuheben, das musste leidvoll sogar eine Glaubensmarke wie Bionade erfahren, darf kein Argument sein.
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Hallo Olaf
Munkelt man in solchen Runden eigentlich irgendwelche Zahlen über die App vom Spiegel-Verlag? Mich würde brennend interessieren wie die Zahlen der Verkäufe / Aboleser dort ist.
Die haben (als einzige?) wirklich geschafft das Produkt am dem iPhone nutzbar zu machen. Und zumindest für Abonnenten gehen die Umsätze auch komplett an Apple vorbei.
Seit ich die das erste mal benutzt habe habe ich meinen Print Spiegel nicht mehr angefasst. Lese den jetzt immer auf dem iPhone und kann es kaum erwarten es zukünftig auf dem iPad zu tun.
Wenn es um Zahlengeht, dann hört das Munkeln immer auf. Dann verliert sich das alles sehtr schnell im Ungefähren.
Wenn ich die Vorstellungen der Verleger zum Leistungsschutzrecht (§ 87g Abs. 1, 3 UrhG neu) richtig verstehe, dann *ist* ein gewerblich genutztes iPad eine Druckmaschine. Hierauf weist Thomas Stadler in seinem Blog Internet-Law hin:
http://www.internet-law.de/201.....ellen.html
Danke. Interessanter Hinweis und gute debatte dort.
Was, bitte, sind “Uhrzeitkrebse”?
Ein YPS Mythos…
Möchte Ihrer Meinung zustimmen, Verlage müssen es wieder schaffen, sich zu “spezialisieren” die Themenauswahl auf ein hohes Niveau zu bringen und sich entscheiden, welche Leser möchte ich ansprechen. Und endlich damit aufhören die Qualität immer mehr zu vernach-lässigen, um Alle bedienen zu wollen. Qualität vor Margen … und mehr Mut zu haben, innovativ und etwas Neues wagen. Danke.