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Kreuzgang mit dem iPad

16. Juni 2010
von


Klarheit in Geometrie und Design


Das Bild hat schon beinahe etwas pornografisches an sich. Ein iPad im Kreuzgang der Abbaye du Thoronet. Dabei gilt das einstige Zisterzienserkloster seiner Architektur nach als eine besonders reine Umsetzung der Lehre. Ein steingewordener Ausdruck von Strenge, Askese, Reinheit und der Kontemplation des Ordens, der sich wie kein Zweiter dem weltabgeschiedene Dasein verschrieben hat.

Immerhin. Es gibt kein Netz hier mit Vodafone.

Und so könnte ich läuternd behaupten, gerade die Bibel auf dem iPad zu lesen und damit zumindest ein wenig Glaubenseifer zu zeigen. Lesen und über die Sätze nachdenken. Was man halt so tut, wenn man liest und verstehen will. Und weil das iPad kein Multitasking kann, kann ich auch nicht andere Dinge gleichzeitig darauf machen. Man muss sich das als sehr befreiend vorstellen.

Als Onliner, als Heavy-Onliner, neigt man ja geradezu dazu, genau den entgegengesetzten Weg eines kontemplativen Ordens zu beschreiten. Ständig ruft die digitale Welt Neuigkeiten hinaus, die uns Bedürfnisbefriedigung versprechen. Und auf der Suche nach der Information, die fast schon einer Gier gleicht, folgt man ständig neuen Signalen bei Twitter, Facebook, im Reader.

Die Welt zerfasert dabei zu einem endlosen Stakkato, dass nur noch eine kurze Aufmerksamkeitsspannen zulässt, weil schon der nächste Funken aufleuchtet. Es ist wie bei einem Bild von Georges Seurat. Doch statt das Bild in seiner Tiefe zu erkennen, schaut man nur noch auf die pointillischtischen Details. Das Ganze zerbricht in seine Pixel, die Welt zerfällt in Tweets.

Zurück bleiben unerfüllte Versprechen. Das Web erfüllt die Bedürfnisversprechungen nicht, weil es in jeder Sekunde neue Angebote macht.

Der Zerfall hat zudem eine Schnelligkeit erreicht, dass wir zuweilen nicht einmal mehr merken, wie sehr wir von der Geschwindigkeit des Web bestimmt und gelebt werden. Es bleibt kaum noch Zeit für eigene Gedanken. Es bleibt kaum noch Zeit für das Selbst. Einen Kreuzgang dagegen geht man langsam. Man kommt in diesem Tempo gedanklich sehr weit.

(Dieser Beitrag enthält keine Links. Ganz bewusst.)

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Kommentare zu “ Kreuzgang mit dem iPad ”

  1. René Artois am 16. Juni 2010 um 15:19 Uhr

    Na, auch ordentlich weggeschwemmt worden?

    • Olaf Kolbrück am 16. Juni 2010 um 15:29 Uhr

      Rechtzeitig wieder hier gewesen.

  2. Max am 17. Juni 2010 um 08:39 Uhr

    Aber wieso pornografisch?

    • Olaf Kolbrück am 17. Juni 2010 um 10:16 Uhr

      =unzüchtige Darstellung

  3. brothelpianist am 17. Juni 2010 um 10:36 Uhr

    hört sich ja an, wie schirrmacher… sagen heavy onliner jetzt nicht immer, dass leute, die so klagen ein filterproblem hätten…?;)

  4. Andre am 24. Juni 2010 um 17:05 Uhr

    Super Bild Olaf, den Bildausschnitt bissel größer und ab zu GEO damit, hätte Chancen auf das Bild des Monats / Jahres

    “Wenn Kulturen aufeinander klatschen” ;)

ivw