“Landlust” oder die Flucht aus der digitalen Zukunft
Das Magazin „Landlust“ bleibt eine Erfolgsgeschichte. Über 700.000er Auflage. Ein Plus von über 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Grund genug noch einmal meine Gedanken zum Blatt aus dem Juni 2008 hervorzukramen und hier nach oben zu ziehen (Mit den Kommentaren von damals). Bei der Erstveröffentlichung des Beitrags im Juni 2008 lag “Landlust” bei 281.066 verkauften Heften. Die Gründe für den Erfolg sind geblieben. Vielleicht sogar noch drängender als vor zwei Jahren: ein tiefsitzendes Bedürfnis der Gesellschaft nach Natürlichkeit, eine Sehnsucht nach dem Rustikalen, nach dem Einfachen, die gerade erst begonnene Flucht aus der digitalen Zukunft.

Was vor zwei Jahren galt, gilt also noch heute:
Natürlich ist das Heft auch hübsch aufgemacht. Großformatige Fotos, die atmen können. Viel entspannt wirkender Weißraum, Liebe zum Detail, ästhetische Anmutung. Auch inhaltlich überzeugend, thematisch zwar das geschnittene Brot der Garten- und Wohn-Hefte. Natur und Küche halt – dies aber nah am Leser: Beispielsweise mit personifizierten und wertig präsentierten Rezeptstrecken „durchschnittlicher“ Köche statt zähnebleckender Promi-Köche-Tipps.
Dazu Gartenthemen, die sich auf bodenständige Konzepte statt auf Exoten und Traumgärten fokussieren, und die daher die grüne Welt ganz einfach, nachahmbar und überschaubar erscheinen lassen. Das Heft kommt aus dem Landwirtschaftsverlag, Münster. Vielleicht kann man solch ein unaufgeregt daherkommendes Blatt auch nur jenseits von Hamburg, München und Berlin produzieren.
Doch darum, ums redaktionelle Detail, geht es letztlich weniger, auch nicht um eine Befriedigung einer wie auch immer gearteten Biobewegung oder einen hochgejazzten Trend zum LOHAS.
Es manifestiert sich in dem Erfolg vor allem eine umfassende Sehnsucht — und für die „Landlust“ Erfüllung verspricht — die twitterisierte Großstädter und handyerschöpfte Speckgürtelbewohner umtreibt: Die Rückkehr zu einfachen Prinzipien der — sagen wir es ruhig – guten alten Zeit. Eine Sehnsucht einer zudem noch konsumfreudigen (Lebensfrust-Shopping) und gutverdienenden Zielgruppe.
Eine romantisierte Lebenswelt, in der gut ausgeführten Häkelkanten und Hornknöpfe mehr zählen, als das Markenlabel und die aktuelle Handtaschen-Linie. „Landlust“ als ironiefreier Gegenentwurf zu „Sex and the City“.
Offenbar sucht die Welt nach einer geistigen Hängematte, in der sie aus der Spam-Flut und dem Diktat unbeantworteter E-Mail-Massen entfliehen kann und sich zurückversetzt in eine Zeit, die Büttenpapier und selbstgeschriebenen Grußkarten — und nicht der Schnelligkeit und Smileys – noch einen Wert beimaß. Ein geerdete Befindlichkeit ist angesagt könnte man schreiben, wenn es im Zusammenhang mit Garten nicht ein so abgegrastes Bild wäre. Es zeigt sich hier ein Trend, der nach Beständigkeit verlangt. Es geht nicht um die Romantik bäuerlichen Lebens, sondern um den Genuß dauerhafter, zeitloser Werte.
Und seien wir ehrlich, beinahe jeder großstädtische Bewohner unter 40 kennt Twist-off-Gläser nur als Deko-Artikel aus dem Geschenke-Shop. Müsste erst mal Google fragen, wenn er wissen will, wo er Gummiringe für Einmachgläser kaufen kann. Wozu also ein ästhetisch bebilderter Beitrag übers Einmachen? Nicht, dass am Ende ein jeder (der bei “Landlust” überwiegend weiblichen Leser) den Schrank voller Einmachgläser stellen will. Es genügt zwischen zwei dekorativ aufgestellten Gläsern auf der Poggenpohl-Anrichte das Gefühl, man könnte, wenn mal wieder der Thai-Lieferservice an der Tür klingelt, auch anders. Eskapismus mit dem grünen Daumen? Nicht ganz. Heile Welt eher, die vor allem natürlich Menschen mit Garten, aber auch in nicht übersehbaren Teilen urbane Leser anspricht.
Teil dieser Sehnsucht ist aber nicht nur der Wunsch nach Übersichtlichkeit und Natürlichkeit, sondern auch der Wunsch nach Entschleunigung (Erscheinungsweise zweimonatlich), die Hoffnung nicht nur 12 Tage lang im Urlaub Wolken zählen zu können, wenn man am Strand gerade mal Zeit hat, vom Laptop aufzublicken. Die Geschichte über das Angeln im aktuellen Blatt ist dafür geradezu symptomatisch. Angeln! Ausgerechnet!! Wie unsexy ist das denn? Und überhaupt nicht lifestylig. Gerade deshalb.
Wer heute Eindruck machen will, der packt das iPhone weg und holt den selbstgemachten Rumtopf raus.
PS: Die Homepage ist so un-webzwonullig, es ist eine wahre Augenweide echte Erholung.
PPS: Natürlich gibt es auch schöne Gartenblogs.
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In der Erde zu buddeln und Zeug wachsen zu sehen, hat ja auch was Meditatives. Ich bin jedenfalls begeisterter Balkongärtner. Den Angelschein hab ich zwar noch nicht auf dem Zettel, aber wer weiß. Irgendwann ist der Isebeck-Kanal vielleicht nicht mehr nur als Laufstrecke attraktiv
Im Isebekk solls doch wieder fische geben. Empfehle die jagd auf karpfen:
http://74.125.39.104/search?q=.....=firefox-a
Oje, da seh ich all die Juppies aus den Boxclubs rennen und ab in den Baumarkt, um Gartenzwerge und Angelruten in ihre entschleunigten Porsche Cojones ähem Cayenne zu schubsen und sich auf den nächsten Trend werfen…
Vielleicht ist das wie mit den tollen Kochen im TV:
Vermutlich eine Sehnsucht, angeblich ein Trend: Selbermachen. Zurück zum Teigrühren, Zwiebeln schneiden, zurück zum Buddeln in der Erde und dem Schweiß.
Aber wohl eher im Geiste beim Gucken und Blättern.
Wer Kochduelle guckt und Landliebe-Zeitschriften blättert, sitzt wohl eher sehsuchtsvoll auf der Coach denn in der Küche oder auf dem Gras neben der Schaufel.
Wie passend: Aldi Nord hat ab morgen Angelzeug im Angebot *lol*
Olaf, gestehe, Du hast ein Set von den Albrechts bekommen ;o))
@pingu666
Manno, Muss dann wohl mal den nächsten trend suchen.
ich lach mich schlapp. Damit ist das aber schon kein Trend mehr sondern schon mainstream, postadaptiv sozusagen.
@Vroni
Siehste, wenns bei Aldi jetzt Angelzeug gibt, dann zeigen Werbung und Vertrieb, dass sie ihre Aufgabe als Sehnsuchtstiller mal wieder erkannt haben. Hauptsache.
Angel ist auch kein gutes Beispiel. Siehe weiter unten.
Spaß beiseite: Grundsätzlich schadet Passivität der Sehnsüchtigen ja nicht dem Markt. Hauptsache man kauft zur Substitutierung die passenden Produkte.
Der Konsument dankt den Ablaß beim schlechten Gewissen eben mit Umsatz. Und – um einfach mal beim Angeln zu bleiben – bei 90 Prozent fängt dann das Angelzeug im Keller Spinnweben statt Fische im Teich. Und für ein paar führt die neue Sehnsucht vielleicht wirklich zu einer Einstellungsänderung und zu neuen Ufern. Die wenigsten sind ja Macher.
Doch die gibt es – neben den WMF-Kochtopfsammmlern – beim Kochboom und andernorts auch noch. Der Zeitgeist (der mir – siehe die andere aktuelle Debatte hier im Blog – nicht immer ungeteilt sympathisch ist) ist ja nicht nur ein metaphysisches Etwas sondern hat ja immer ein Entsprechung im wahren Leben. Der Trend bleibt, wird halt nur unterschiedlich umgesetzt.
PS: ich weiß, dass Aldi immer mal wieder Angelsets anbietet. Aber das blende ich jetzt mal aus, weils grad so schon passt
und den Grundgedanken letztlich nicht berührt.
Olaf,
lassen wir mal das billige Angelzoich (Chinaware?) bei Aldi. Angelschein haben eh die meisten nicht.
Bleiben wir mal beim “…begonnene Flucht aus der digitalen Zukunft.”
Das ist doch ein sehr interessanter Satz, aus dem sich weitere Fragen bilden: Ist das Digitale/Virtuelle denn die Zukunft?
@Vroni
“Ist das Digitale/Virtuelle denn die Zukunft?”
Spannende Frage. Lässt sich nicht in einem Satz sagen. Kann daher erst später darauf antworten. Aber vielleicht haben dazu auch noch andere eine Meinung?
Ich denke schon dass das ein noch kommender Trend sein wird – wieder mehr Natürlichkeit zu haben. Ich wohn ja hier direkt im Allgäu und bin ehrlich gesagt auch froh darüber – ein paar km ins Land rein ist man schon abgeschieden von all dem Stress etc.
Diesen “Luxus” können sich nich alle leisten aber gerade um mal wieder runterzukommen brauchen es eigentlich viele. Mal E-Mails, Telefon, Geschäftskontakte und Co. vergessen und abspannen.
@vroni
@all
Die Antwort auf Vronis Frage “Ist das Digitale/Virtuelle denn die Zukunft?” ist etwas länger geraten und steht jetzt hier:
http://off-the-record.de/2008/.....kucksnest/
Also irgendwas stimmt da nicht. Der Artikel trägt das Datum 14.07.2010, die Kommentare sollen vom 25. – 27.06.2008 sein.
bitte wenigstens die ersten Sätze des Artikels lesen:
[...]
“Grund genug noch einmal meine Gedanken zum Blatt aus dem Juni 2008 hervorzukramen und hier nach oben zu ziehen (Mit den Kommentaren von damals).”
Argh … da war ich am Anfang wohl wirklich nachlässig beim Lesen.
Manche Aspekte des “entdigitalisieren” sind vielleicht nett, bzw. es gibt mit Sicherheit immer Dinge, die erst vergessen und dann “wiederentdeckt” werden (von mir aus Marmelade einmachen)…..
Aber wer sehnt sich denn immer nach “der guten alten Zeit”? Es gibt keine gute alte Zeit, jede Zeit hat ihre eigenen Probleme, Krisen, etc. Natürlich ändern sich diese um verschiedene Begebenheiten, aber der Plot bleibt doch immer derselbe. Die “gute alte Zeit” entsteht doch nur dadurch, dass Menschen zufriedener sind, mit Problemen zu leben die sie kennen, als sich neuen zu stellen und vergangene Erinnerungen schönreden. Genauso denke ich, war die Zielgruppe für eine Zeitschrift wie “Landlust” sowieso vorhanden, wurde aber (sei es weil konservativ, sei es aus Protest, Desinteresse) online kaum erreicht, was irgendwo auch wieder logisch ist. Es ist doch das allgemeine Problem der Werbung, dass der Kunde der entscheidene Faktor ist: Meine Oma erreich ich auch eher am POS in der Apotheke, als mit Bannern auf DocMorris
“Flucht aus der digitalen Zukunft”, das halte ich mit Verlaub für eine sehr nerdig-einseitige Perspektive auf dieses Phänomen. Das ist genauso schief und holzschnittartig wie die Annahme der Gegenseite, das ganze Digitalgedöns wäre letztlich nur eine Flucht aus der analogen und biologischen Realität.
Dieser Logik folgend wäre eine mit Benzin im Blut gemachte Autozeitschrift auch nur zu erklären als eine Flucht vor der Elektrozukunft, oder?
Ich denke auch, dass das Thema komplexer ist als eine “Flucht”. Denn ich halte es für einen Trugschluss anzunehmen, dass Leser von Zeitschriften wie Landlust per se technologiefeindlich sind und sich nach “der guten alten Zeit” sehnen. Auch sie arbeiten mit ihren Laptops im Garten und haben selbstverständlich W-Lan. Nicht alle, freilich, was ich damit sagen möchte ist nur, dass das alles kein entweder-oder sein muss.
Für meine Begriffe geht der Trend einfach zu einer stärkeren Integration verschiedener Lebensdimensionen. Anders ausgedrückt: Vor lauter Technologie und 2.0 haben manche vielleicht einfach ein paar Dinge vergessen, die mal zu ihrem Leben gehört haben – und die sie jetzt wieder aufholen. Deswegen schmeißt aber kein Landlust Leser sein Handy in den Müll oder möchte auf das Internet verzichten – es ist kein zurück, sondern ein vorwärts in eine vielleicht etwas andere Richtung.