HORIZONT.net HORIZONTjobs HORIZONTstats

Für ein vergessliches Web

25. August 2010
von

Eine arrivierte Pressesprecherin erzählt nach dem dritten Glas Rotwein, wie sie einst für „Bay City Rollers“ geschwärmt hat. Ich gestehe, dass ich als Teenager Fiorucci getragen habe. Lässliche Sünden. Vergessen. Doch mit dem Internet bleibt nichts mehr unter dem Mantel der Geschichte. Das Web vergisst nicht.

Unsere Entwicklung dokumentiert sich mit Facebook-Likes, mit Gruppenzugehörigkeiten bei StudiVZ, mit unserer Wunschliste bei Amazon. Unsere Identität und Selbstfindung, das experimentieren mit Moden und Meinungen ist zementiert in Algorithmen und Datenbanken. Digitale Spuren bleiben.

Die Erprobung und Ausgestaltung unserer Identität wird zunehmend zu einem nachvollziehbaren Prozess. Dokumentierbar, überprüfbar. Nicht nur das: Wann wir wo mit wem waren, wird dank Location Based Services zu einem dauerhaften Tagebuch. Man kann diese fortlaufende Erinnerung als Wohltat preisen, so wie es Facebook mit Places tut.

Man kann sich aber auch davor erschrecken. Wenn Google-Boss Eric Schmidt launig vorschlägt, mit der Volljährigkeit sollten sich Menschen einen neuen Namen zulegen können, um die Spuren ihrer Jugendsünden vergessen zu machen, dokumentiert dies die Hilflosigkeit gegenüber dem kollektiven Gedächtnis. Schon allein der Vergesslichkeit nachhelfen zu müssen, ist ein qualitativ völlig neuer Moment in unserem Zusammenleben. Noch gibt es kein digitales Verfallsdatum.

Vielleicht werden wir deshalb eines Tages lernen müssen, unseren Narzissmus auf diese digitale Akasha-Chronik einzustellen. Doch während wir im sozialen Leben immer schon auf verschiedenen Bühnen verschiedene Rollen spielen konnten, wird das Identitätsmanagement im Web zur beinahe unlösbaren Aufgabe. Auf dem Jahrmarkt der digitalen Eitelkeit gibt es nur noch eine große Bühne – skalierbar, durchsuchbar, archivierbar. Identitätsmanagement muss daher nicht nur das Heute, sondern auch das Gestern und das Morgen umfassen.

Einmal im Monat bekomme ich eine Mail eines Menschen mit der Bitte, doch einen seiner Kommentare im Blog zu löschen. Meist stammen sie aus der Stummfilmzeit dieses Blog. Manchmal folge ich der Bitte, weil ich mir vorstelle, wie jemand schwitzt, weil sein Kommentar nun so gar nicht mehr zu Policy seines neuen Arbeitgebers passt. Vielleicht ist er nervös, weil er seine Meinung geändert hat.

Vielleicht auch, weil das Vergessen können und auf das Vergessen hoffen unser gutes Recht ist. Menschen sind schließlich keine linearen Wesen und Veränderungen alles andere als ein Zeichen mangelnder Integrität. Ein perfektes autobiografisches Gedächtnis kann die Hölle sein. Für den Einzelnen und auch für die Gesellschaft als Ganzes. Vergessen können ist deshalb auch eine Gnade.

Mehr vom Autor jetzt auch bei Twitter unter http://twitter.com/OlafKolbrueck und bei Google+

Facebook und Co: Teilen und aufbewahren Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • TwitThis
  • LinkedIn
  • del.icio.us
  • email
  • MisterWong
  • Y!GG

Andere interessante Artikel

Kommentare zu “ Für ein vergessliches Web ”

  1. Sachar am 25. August 2010 um 12:35 Uhr

    Ein guter, ausgewogener Beitrag.

    Ein kleiner Punkt fehlt mir jedoch: Wir Menschen leiden darunter, dass wir nicht nur Stimmungen vergessen, sondern auch wertvolles Wissen. Dieses ist nun online stets verfügbar, weil abrufbar.

  2. drikkes am 25. August 2010 um 12:42 Uhr

    Ich finde ja, die Leute nehmen sich selbst zu wichtig. Wen soll das alles interessieren? Man sollte diesen ganzen Social-Media-Kram als Selbstgespräch, als Eigendokumentation begreifen. Wenn jemand anderes dabei zuhört – auch gut. (Und so ist man zumindest halbwegs gegen das unweigerlich demnächstige Platzen dieser Blase gewappnet.)

    • Der B aus H an der E am 26. August 2010 um 09:55 Uhr

      Gute Gedanken. Am Ende interessiert es vermutlich höchstens den nächsten Personaler. Wird es zum Makel, wenn nichts rauszufinden ist?

  3. Patrick Breitenbach am 25. August 2010 um 12:44 Uhr

    Schöner Beitrag Olaf.

    Man könnte das ganze auch umgekehrt denken und das unvergessliche Web als Spiegel nutzen. Wir können durch es lernen, dass wir eben keine linearen Wesen sind, dass wir Schwächen haben, aber auch verzeihen und vergeben können, ohne zu vergessen. Wir würden sehen, dass wir lernfähig sind und dass wir uns selbst nicht ganz so wichtig nehmen sollten und dass Ehrlichkeit im Hier und Jetzt wesentlich wertvoller ist als eine geschönte Reputation mit inbegriffener Unberechenbarkeit.

    Das Web kann uns ein Spiegel sein und uns eben ALLE Seiten unserer Identität zeigen und nicht nur die medial frisierten.

    An dem Punkt, wo ein zu glatter Lebenslauf, ein zu glatter Life-Stream, zu Problemen beim Personalchef führt, an dem Punkt wird es richtig spannend.

    Solange wir also die Gegenwart und Zukunft mehr schätzen als die Vergangenheit und solange wir daran glauben, dass Menschen sich tatsächlich auch ändern können, solange sehe ich das unvergessliche Web als enorme Bereicherung.

    Vielleicht erzieht es uns zu mehr Eigenverantwortlichkeit, indem wir uns selbst bewusster werden. Über uns als Ich, unsere Muster und Verhaltensweisen. Reflektion ist halt die beste Eigenschaft eines Spiegels. ;-)

  4. Marcus Brown am 25. August 2010 um 12:52 Uhr

    Knocked another one out of the ball park Olaf. Excellent post.

  5. ramses101 am 25. August 2010 um 13:11 Uhr

    Ich bin heilfroh, dass ich die meisten Rants nur in eigenen Blogs verfasst habe. Die ersten beiden Blogs habe ich längst gelöscht, weil es mir irgendwann zu blöd wurde, jeden Beitrag auf juristische Fallstricke hin zu untersuchen: Beleidigungen, Urheberrechtsverletzungen, wilde Mutmaßungen, unbewiesene Behauptungen etc.

    Irgendwas war immer, also raus aus dem (sichtbaren) Netz. Wenn ich mich daran erinnere, wie ich früher in Kommentarschlachten mitunter die Sau rausgelassen habe, wird mir ganz anders. Aber auch da habe ich es bis heute selbst in der Hand, zu löschen, was ich löschen will, denn im Prinzip beschränkt sich das auf zwei Foren.

    Wie gesagt: Ich bin heilfroh, hab dazu gelernt und werde eigentlich nur noch sehr selten ausfällig, auch wenn ich angepöbelt werde. Trotzdem weiß ich nicht, ob man ein grundsätzliches Recht darauf haben sollte, dass so etwas gelöscht wird. Mit manchen Dingen muss man eben leben.

    Das gehört zum Leben dazu und wenn ich damit aufwachsen würde, dass meine Verfehlungen per Mausklick wieder ausradiert werden können – wie wirkt sich das im nichtdigitalen Leben aus?

    Ich kenne kaum jemanden, der als Kind nicht mindestens einmal ein richtiges Arschloch war. Irgend etwas, was einem heute so richtig Leid tut, hat eigentlich jeder im Keller. Vielleicht sogar, ohne es zu wissen. Aber irgend ein Betroffener erinnert sich daran und das lässt sich auch nicht einfach so löschen.

    Das Problem mit dem Internet und der Verfügbarkeit all dessen, was ich mal abgelassen habe, ist natürlich, dass es in Zukunft nahezu unmöglich sein wird, in einer anderen Stadt oder in einem anderen Land komplett neu anzufangen. Die Basics meines bisherigen Lebens wird sich jeder zusammengoogeln können und damit schon mal ein halbwegs realistisches Bild von mir haben.

    Aber dann wiederum, drikkes hat es gesagt: Vielleicht interessiert es ja auch einfach keine Sau? Oder vielleicht fällt nicht jeder Chef vor Schreck vom Stuhl, wenn er sieht, dass sein Bewerber auf ner Party mal Tequila mit Strohhalm aus der Flasche trinkt?

    (Wobei ich natürlich auch heilfroh bin, dass es zu meinen “harten” Zeiten, keine Digicams gab …)

  6. Ibo am 25. August 2010 um 13:25 Uhr

    Wer sagt denn, dass man vergessen will? Hey, ja ich habe auch Mireille Mathieu gehört und zu The Sweet getanzt und schwarze Lackstiefe und Hängerchen in den 70zigern getragen. So what? Gott sei Dank gibt es Jugendsünden. Das macht einen menschlich und demütig. Und gerade nachdem ich in “WiWo” gelesen habe, wie viele Fehler Manager durch Eitelkeiten verursachen, hoffe ich, dass das Internet für immer und ewig unvergesslich macht.

  7. Tim Keil am 25. August 2010 um 13:44 Uhr

    Toller anregender Post, Olaf.

    Mir ist beim Lesen ein Satz oder sagen wir mal Lebensweisheit eingefallen, die ich von meinem USA-Aufenthalt mitgenommen habe.

    Sinngemäß:
    “Don’t look for the flaws in life and people, look for the virtues that lie behind them”

    Vielleicht geht es nicht darum zu vergessen oder etwas zu löschen. Es ist am Ende eigentlich nur eine Frage der Interpretation und der eigenen Perspektive.

  8. Uwe am 25. August 2010 um 14:08 Uhr

    Jeder kann natürlich versuchen, seine Spuren im Web zu verwischen. Das schützt aber nicht vor den Anderen. Wenn meine ehemaligen Schulkumpels oder Ex-Kollegen Lust haben, können sie mich jederzeit nach Strich und Faden bloß stellen (ich war immer der Klassenclown). Das ist einer der Gründe, warum ich mich bemühe, ordentliche Profile ins Netz zu stellen. Das Personalthema ist für mich aber keines, ich habe mich zwar über Bewerber online informiert, aber noch nie jemanden ohne Vorstellungsgespräche eingestellt.

  9. Martin am 25. August 2010 um 16:04 Uhr

    Was die Diskussion um Diskretion, um das nicht vergessende – nicht verzeihende – und datenschluckende Internet angeht, steht für mich gar nicht so sehr im Vordergrund ob das gut oder schlecht ist was sich hier so alles ansammelt. Wichtig finde ich, dass ein Bewusstsein dafür entsteht (durch die Diskussionen), welchen Nutzen sie im Moment von der großen Datenwolke haben, aber auch, dass diese Wolke sich nicht verflüchtigt und alles was sich darin verborgen hat morgen vergessen ist.

    Mir schärft es das Auge für die Spuren, die ich in blogs, Gewinnspielen, bei twitter, facebook, foursquare oder durch Weitergabe meiner Informationen ganz physischen per Visitenkarte an einem Messestand hinterlasse.

    Aufgeschnappt habe ich: Du musst bei dem, was Du online hinterlässt, auch immer damit leben können, es morgen auf den Titelseiten aller Tageszeitungen zu lesen.

    Jeder ist sehr persönlich für seine Online-Reputation verantwortlich – nicht google & Co. – dann muss man sich auch nicht an wechselnde Namen oder Identitäten gewöhnen.

  10. ramses101 am 25. August 2010 um 21:51 Uhr

    Nachtrag: Wenn ein Anbieter wie Amazon Kunden sortiert und ihr Verhalten erstens speichert und zweitens vergleicht, muss es natürlich PFLICHT sein, Spuren löschen zu können. Nicht falsch verstehen: Ich hatte schon diverse Empfehlungen, auf die ich selbst nie gekommen wäre.

    Aber wenn mir “So befriedigen Sie Ihren Mann” vorgeschlagen wird, weil ich meiner Schwester irgend ein Frauenbuch bestellt habe, finde ich das in doppelter Hinsicht anstrengend. Aber das ist ja eh alles noch am Anfang und amazon ist da, in der Tendenz, gar nicht mal so schlecht.

    Trotzdem gilt bei Kommerzangeboten: Vergessen MUSS eine Option sein.

  11. Margret am 26. August 2010 um 16:50 Uhr

    Vergessen mag vielleicht in vieler Hinsicht gut sein, aber die Identität eines Menschen nach dem 18 Lebensjahr verändern zu können. Dazu kommt es hoffentlich nie. Auch wenn jeder irgendwelche Jugendsünden hat von denen am besten keiner wissen sollte. Wenn ein zukünftiger Arbeitgeber auf ” Jugendsünden” trifft, kann er selber entscheiden wie schlimm er sie sieht. Wenn man nicht gefunden werden will, sollte man sich auch nicht anmelden und persönliches bekannt geben.

    Gruß Margret

  12. Regina Deckart - marketingshop blog am 31. August 2010 um 12:44 Uhr

    Ich persönlich halte nicht viel von der Lösch-Idee und schon gar nichts von einem Identitätswechsel. Im Gegenteil: Jeder Mensch, jeder Arbeitgeber, jede Personalabteilung weiß, dass jeder ihrer Mitarbeiter, Geschäftspartner und Kandidaten auch ein Leben “da draußen” hat. Anzunehmen, dass dieses weniger “wild” und mit Jugendsünden beladen ist, nur weil man über die Person nicht viel im Web findet, wäre ein Trugschluss. Ich denke, es muss sich hier eine Kultur des maßvollen und bewussten Veröffentlichens entwickeln, ein stärkeres Bewusstsein für die Öffentlichkeit des im Internet gezeigten, für die eigene Online-Reputation.
    Gar nicht online zu finden zu sein, ist ganz bestimmt keine Lösung. In einer digitalen Gesellschaft (wenn wir sie denn dann irgendwann wirklich haben) wird dies eher Misstrauen wecken und Raum für Identitätsklau und andere unschöne Dinge schaffen.

Trackbacks

ivw