Kommentare löschen
Klassentreffen sind ja in gewisser Hinsicht so etwas wie Google in Form von Biomasse. Je mehr Menschen man trifft, je länger ein Gespräch dauert, umso höher steigert die Wahrscheinlichkeit an eine Peinlichkeit aus Jugendtagen erinnert zu werden, die man selbst nur zu gerne verdrängt hatte. Es ist eben ein wenig wie bei Google, dass auch alles behält und aufs Stichwort bereithält. Immerhin kann man bei solchen Treffen auf Verjährung pochen, dem ungehobelten Kerl, der die alten Geschichten aufwärmt und einen schon in Mathe nie abschreiben ließ, einfach mit seinem Bier stehen lassen und sich auf die Suche nach dem einstigen Klassenschwarm machen, der bis zur Unkenntlichkeit gealtert ist, wie man mit einer gewissen – auch für einen selbst unschmeichelhaften Zufriedenheit – feststellen mag. Und auch über diesen hört man dann noch so manche eher unvorteilhafte Anekdote aus fernen arkadischen Tagen.
Aus dem Internet löschen
Im Internet aber lässt sich mancherlei immerhin löschen. Ein bisschen wenigstens. Mit ein wenig guten Willen. Und weil das so ist, tauchen auch bei mir zuweilen freundliche Bitten auf, doch Vita undCo beispielsweise aus dem Projekt mykeynote.tv zu entfernen. Vielleicht weil derjenige schlichtweg findet, dass das Internet eh zu voll ist, vielleicht weil er sich ins Private zurückzieht, vielleicht auch aus Gründen, die mit der Selbstdarstellung bei Klassentreffen zu tun haben.
Auch dieses Blog wird zuweilen mit Bitten konfrontiert, doch einen oder gleich mehrer Kommentare zu löschen, in denen sich der jeweilige Autor damals echauffiert hatte. Ich stelle mir dann immer vor, dass er seine Meinung, die er kurz nach der Erfindung der Elektrizität in dieses Blog gestellt hat, nun gerändert hat und nicht mehr mit irrigen Ansichten konfrontiert werden will. Ich kenne das. Ich muss gar nicht mal an Klassentreffen denken oder an die Dinge, die ich in den 80er Jahren getragen habe oder die Musik, die ich damals gut fand. So manche Wahlentscheidung aus jüngster Zeitwürde ich heute gerne ungeschehen machen.
Peinlichkeiten aus der Welt schaffen
Dann aber stelle ich mir vor, beim Bittsteller macht sich Unbehagen breit, dass seine damals pointiert geäußerte Meinung vielleicht etwas unangenehm auf potenzielle Arbeitgeber oder Auftraggeber wirken könnte. Da mag dann eine Löschung Peinlichkeiten vermeiden helfen.
Manipulation der Erinnerung
Nur wie unangenehm mag ein Arbeitgeber sein, der die Tiefen von Google durchforstet, um dann aus den Aussagen eines digitalen Geplauders eine Persönlichkeitsanalyse zu extrahieren. Leute, die das tun, sind vermutliche jene, die einem bei Klassentreffen jedes Fettnäpfchen aus der Obersekunda unter die Nase reiben.
Deshalb folge ich zumeist solchen Bitten, wenn die entsprechenden Beiträge sowieso längst virtuellen Staub angesetzt haben.
Wir haben alle ein Recht auf das Nicht-Errinnert-werden und die Gnade des Vergessens. Zumindest bei anderen. Wir selbst haben uns ja längst damit abgefunden, manche Erinnerung zeitlebens mit uns herumzuschleppen. Zumindest solange die Forschung bei der Manipulation der Erinnerung nur Babyschritte macht und die Weltentwürfe eines Philip K. Dick nur im Remake von Total Recall real werden.
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“Wir haben alle ein Recht auf das Nicht-Errinnert-werden und die Gnade des Vergessens. Zumindest bei anderen.”
D’accord.
Wenn es nicht nur für zukünftige Karrierechancen gilt.
Sondern für das Menschsein an sich.
(Dauernd immer nur Job, Wirtschaft, kommerzielle Interessen… stöhn)
Natürlich geht es ums Menschsein. Wir sind es schließlich zuallerst und zuletzt und auch mittendrin, auch wenn man das vor lauter Beschäftigung mit anderen Dingen gerne zu vergessen scheint. “Bleibense Mensch” hieß das mal bei Jürgen von Manger. Das waren aber die 60er.
Mir kam halt ein paar Mal recht oft das Wort “Arbeitgeber” vor.
..gelegentlich vergaloppiere ich mich in der Hitze der Diskussion;
dabei kam auch das unaufgeforderte löschen eines Beitrages mit der Mail des Blogbetreibers, gerne setze er den comment wieder online, sofern ich das nach einer Nacht drüber schlafen noch wünsche.
Mein Dank an den Wortvogel!