HORIZONT.net HORIZONTjobs HORIZONTstats

Blattkritik: “Wired” und die spießigen Geeks

7. September 2011
von

Lesetipp: Gunter DueckIch habe „Wired“ immer gehasst. Spätestens mit 40+ fühlt man sich diskriminiert und ausgegrenzt. Die optische Aufmachung so übersichtlich wie eine Ikea-Anleitung, jede Seite so lesbar wie ein Monty-Python -Zeichentrickfilm, der in 6-Punkt-Schrift mit Homers Odyssee untertitelt wird. In Altgriechisch. Die Texte der US-Ausgabe dazu von einer schwafelesken Länge, die geradezu zwanghaft zeigen musste, dass der Autor auch noch die Grundschulzeugnisse seiner Gesprächspartner kannte.

Es gibt so Seiten, die eher einem Asperger-Syndrom-Test gleichen, auch in der morgen erstmals erscheinenden deutschen Ausgabe. (Interview mit Blattmacher Thomas Knüwer hier). Infografiken, von so enthemmter Buntheit, dass der Nutzwert sich Goethes Farbenlehre annähert, Texte in Augenpulver-Typo mit schwarzer Schrift auf dunkelrotem Grund, die aus geheimen Fielmann-Laboren stammen könnten. Für mich sind solche Ideen Konstrukte aus Grafik-Masturbationsmaschinen. Vielleicht gibt es zu denen mal eine Risszeichnung in „Wired“.

Wahrscheinlich sind diese Elemente, insbesondere auf den vorderen Seiten, der „Wired“-DNA geschuldet. Denn spätestens ab der Mitte des Heftes gewinnen Layout und Illustrationen eine gewisse Leichtigkeit, Verspieltheit und auch Übersichtlichkeit und Zugänglichkeit.
Da setzt das Heft wirklich optische Akzente. Dazwischen wunderbare Bildideen, Fotostrecken und kleine, feine inhaltliche Sprengsel wie die Story über das Eis-Design, die DNA der Banane, Einstein und Foursquare oder der 3D-Beamer zum Eigenbau.

Was Stammleser der US-Ausgabe zunächst einmal verdauen müssen: Die Storys sind deutlich kürzer. Aber beispielsweise an der wunderbaren Replik von Gunter Dueck auf Schirrmacher stelle ich nach einer kurzen Schrecksekunde fest – der Text ist lang genug.
Nur für einen Moment taucht das Gefühl auf, intellektuell noch nicht satt zu sein. Aber anderseits: Das wichtigste ist gesagt, und man muss es nicht mit redundanten Wortneuschöpfungen noch dreimal sagen, und ich stelle dabei zunehmend fest, dass die deutsche „Wired“ eher einem mehrgängigen Menu gleicht. Und das ist gut so. Die einzelne Speise sättigt, aber füllt nicht ab. Stattdessen kann man den nächsten Menupunkt goutieren.

Man merkt es, wenn Jeff Jarvis über Johannes Gutenberg als erstem Geek aus Deutschland schreibt. Der mehrseitige Text wirkt wie ein platt geklopftes tellergroßes Schnitzel, Hausmannskost zwischen Amuse-Gueule und molekularer Küche. Zu diesen Köstlichkeiten gehören auch die Stücke von Thomas Wiegold über den Cyberwar und Schokoladiges von Anke Gröner. Wie überhaupt die Geek-Strecke mit einer gewissen Lässigkeit Vordenker portraitiert. Was daran besonders deutsch ist – keine Ahnung.

Um beim Bild der gehobenen Küche zu blieben: Was auffällt ist der gelungene Takt in der Abfolge von Storys, kreativen großfomatigen Bildideen, kleinen Wissenshäppchen (und – huch – verständlichen Grafiken). Das hat Rhythmus. Es ist mehr ein holistisches Produkt als eine Summe von Artikeln, von denen einige wenige indes wie schlecht geschüttelter Mozarella-Schaum in sich zusammenfallen.

So völlig aber mag die Gangfolge noch nicht überzeugen. Solide ja. Höhepunkt ja. Insgesamt aber mehr Johan Lafer als Juan Amador. Es fehlt ein wenig am élément craquant, an einer deutlich profilierten These an der sich Debatten entzünden könnten. Thomas Knüwer hofft auf Erregung über die deutschen Geeks. Doch warum? Dazu sind die Geschichten und ihre Protagonisten mit ihren Visionen viel zu sehr im Hier und Jetzt und auf die Machbarkeit der Zukunft ausgerichtet.
Vielleicht ist dies das typisch deutsche – die fast schon pragmatische Bürgerlichkeit der Freaks.
Und natürlich ist auch das vermutlich typisch deutsch – das rummosern und rummäkeln an den kleinigkeiten auf dem Teller und über ein wenig fehlende Textur zu klagen. Statt sich einfach zu freuen, dass man keinen Vapiano-Teller vor sich hat und Knüwer zuruft: Lecker zubereitet.

Wired-Trivia:

Meine Lesezeit: 75 Minuten
Die Anzeige im Heft für das HP Touchpad hat dokumentarischen Wert.
Es gibt Easter Eggs.

Facebook und Co: Teilen und aufbewahren Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • TwitThis
  • LinkedIn
  • del.icio.us
  • email
  • MisterWong
  • Y!GG

Ähnliche Artikel

Tags: , ,

Kommentare zu “ Blattkritik: “Wired” und die spießigen Geeks ”

  1. Jens am 8. September 2011 um 11:08 Uhr

    Interessante Kritik, die durchaus mein Interesse am Blatt geweckt hat. Danke.

  2. FrostQ am 8. September 2011 um 13:54 Uhr

    Kurz dachte ich, “Spießer Alfons” hätte diesen Text geschrieben. Nun wird mir klar: Die gesamte Horizont-Redaktion besteht aus älteren, spießigen Herrn, denen das alles zu schnell geht da draussen mit den Medien und der Werbung und digitalem Fernsehen und so.

    • Ich am 19. Oktober 2011 um 15:53 Uhr

      hehe

  3. Cem Basman am 8. September 2011 um 17:50 Uhr

    Habe mir diesen Text aus dem Internet rausgerissen und an meine Kühlschranktür gepappt. Olaf Kolbrück in Hochform.

    • olafkolbrueck am 8. September 2011 um 18:57 Uhr

      Danke. Freue mich. Das Lob kommt morgen an meine Office-Tür. in maximaler Punktgröße!

  4. 43 am 8. September 2011 um 21:19 Uhr

    Also was ich bisher so in Kritiken davon zu sehen bekam. Das Käseblatt ist von vorgstern, sowas von 90er. + ein Bisschen dümmliches App-Gejohle. Passt vermutlich gut zum Hirnamputierten-Blatt GQ.

  5. Jochen König am 13. September 2011 um 15:35 Uhr

    Am besten danach “Landlust” lesen, damit man wieder geerdet ist…

Trackbacks

ivw