Warum es in der Urheberrecht-Debatte keine Einigung geben kann
Die gesamte Debatte über das Urheberrecht ist breit getretener Quark. Die Argumente sind Sahnesteif, die Begründungen netzpolitische Kirchturmsrhetorik. Immerhin: Die Debatte, sie hat einen gewissen intellektuellen Unterhaltungswert. Gestritten wird schließlich vor allem mit rhetorischen Winkelzügen, die die Gegenseite bewusst falsch interpretieren, Argumente verfälscht zuspitzen, Nebenkriegsschauplätze überhöhen und auch so Material für Rhetorikseminare und Fußnoten zu Schopenhauer noch und nöcher bieten. Sein Werk: „Die Kunst, Recht zu behalten“ gibt es bei Amazon übrigens kostenlos fürs Kindle.
Dabei wird gestritten, obwohl eine Einigung gar nicht möglich ist. Es geht den Bolschewiken des Web ebenso wenig wie den kapitalistischen Lordsiegelbewahrern nicht um die Frage nach der Wahrheit oder der Praktikabilität, sondern letztlich um die Frage nach dem Markt. Freiheit oder Schranke, Kapital oder Kolchose. Die einen stolpern ins Wörterbuch des Unmenschen („Parasiten“), die anderen sehen in der Urheberrechtsdebatte das Erwachen der Weltrevolution.
Die Diskussion ist dabei ebenso von jeder Einigung bar, wie die Debatte bei ING-Diba, als es nur um die Wurst ging. Dort kloppten sich Veganer und Omnivoren um ein Scheibchen Wurst in der Werbung . Verständigung ausgeschlossen.
Das macht nichts, würde dabei nicht auch die Toleranz unter die Räder geraten.
Beim Urheberrecht stehen sich die Kräfte gleichfalls unvereinbar gegenüber. So als stritten Protestanten und Katholiken um die Wahrhaftigeit der Wandlung. Glaubensfragen überall.
Deshalb werden gemäßigte Kräfte, so wie Spreeblick, diese UNO unter den Diskutanten, auch gleich von beiden Seiten verprügelt. Toleranz, das passt nicht ins Weltbild. Wer in der Mitte steht, der steht eigentlich dazwischen und im Weg. Man muss sich heute eben zwischen den Extremisten entscheiden. Auch Gott mochte ja nichts halb gares. Eure Rede sei aber: Ja – ja; nein, nein.
Dieser theologische Status durchzieht die gesamte Diskussion. Mein Recht, dein Recht. Mein Gott, dein Gott. Mein richtiges Leben, dein falsches. Ein verquerer Adorno im Totalitarismus des eigenen Seins macht es sich da im digitalen Leben bequem.
In dieser Debatte, die nur noch einem digitalen Rosenkranz gleicht, zählen schon längst keine Fakten und Argumente sondern gesellschaftliche Axiome. Die “Zeit” sortiert denn auch die Frontlinien. eher denn auch nicht Willkommen im 30jährigen digitalen Krieg, weil niemand bereit ist, einmal in den Schuhen des anderen zu gehen. Vor solchen selbsternannten Demokraten, Liberalen und Freiheitskämpfern – und den Verteidigern der Ordnung sollte es uns grauen. Immer.
Milde des Alters. Geschichte wiederholt sich, auch in den Grabenkämpfen der Ideologien.
Glaubenskriege, auch die zwischen digitalen Protestanten (oder sind es doch eher Digitafisten?) und Urheberrechts-Kreuzzügler, aufgerufen die heiligen Stätten des Rechts zu verteidigen, enden immer mit einem westfälischen Frieden.
Der wird am Ende Kulturflatrate heißen, weil sie ganz bequem in der Mitte liegt. Und weiter wird keiner mehr schauen, wenn die Zungen fusselig, die verbalen Schlachten geschlagen, die Streitpapiere zerlesen und die Herzen müde sind.
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Die vernünftige Lösung liegt, bei aller berechtigten Kritik des Toleranzgrenzen überschreitenden Propaganda-Geschreis (hauptsächlich von Seiten der Verwerter), nicht immer in der Mitte.
http://tvtropes.org/pmwiki/pmw.....eanFallacy
Interessanter Ansatz. Dank für den Hinweis.
)
(Beweist Regel Nummer 2: Man kann es nie allen recht machen.
Über den Kopierfrieden von 2012 (via Kulturflatrate) sprach übrigens die Woche bereits auch Dirk von Gehlen:
https://twitter.com/#!/jensbest/status/191855379402063872
Kulturflatrate hieße, einer Menge Leute Geld aus der Tasche zu ziehen. Ist bei Politikern nicht so beliebt, dafür den Kopf hinzuhalten. Daher sehe ich das noch nicht, höchstens in einer abgespeckten Form, wie ich sie letztens bei einem Grünen gelesen habe. Der wollte lediglich die Möglichkeit zur Weiterverarbeitung in eigenen Werken damit abgelten. Das löst zwar nicht die “großen Probleme”, aber man hat was getan.
“weil niemand bereit ist, einmal in den Schuhen des anderen zu gehen”
Im Gang in den Schuhen des bestehenden Urheberrechts haben wir doch nun schon einiges an Erfahrung zu bieten.
Vielen Dank für die interessanten Infos!
So ärgerlich die aktuelle Zustände im gesamten Urheberfeld ist, und das nur weil plötzlich so viele Medien darüber berichten! Hier muss dringend etwas passieren…
Was immer wieder gerne vergessen wird:
Mit jedem Scanner, Kopierer, Drucker, DVD-Brenner und auch mit jedem Rechner führen wir Gelder an die entsprechenden Institutionen wie GEMA und dergleichen mehr ab. Auch wenn ich den Drucker nur für meine eigenen Ergüsse und den Brenner nur für meine Backups benutze… Insofern haben wir doch hintenrum schon eine Kulturflatrate… oder soll ich jetzt nochmals bezahlen? An der Wursttheke zahle ich für die Wurst doch auch nur einmal… Also was soll das ganze Gerede? Im Prinzip haben wir das doch schon, nur hat das noch keiner so richtig gemerkt und wird in den Diskussionen über das Urheberrecht nie angesprochen.